Dieser Abschnitt beschreibt die Entwicklung der formellen Bildung von den Anfängen in den sechzigern bis zum heutigen Tag.
Der Telekolleg ist die Entsprechnung des traditionellen Unterrichts in der Schule, nur daß der direkte Kontakt zum Lehrer durch den indirekten mittels des Fernsehens ersetzt wurde. Diese Form der Bildung und ihre Abwandlungen waren von Anfang an Aufgabe der dritten Programme [TERLINDEN 1979, S.92,], wobei der WDR mit seinem WDF (Westdeutschen Fernsehen) eine Ausnahme darstellte. Bei ihm stand von Anfang an an erster Stelle die Kulturvermittlung und dann erst die Vermittlung von Bildung [TERLINDEN 1979, S.92,]. Man könnte auch sagen, daß Bildung hier im Sinne von `Leben heißt Lernen' verstanden wird. Das schließt natürlich die Bildung mit Lernziel - die Schule - ein, welche aber durch die Reihenfolge der Programmgrundsätze eine geringere Bedeutung zugewiesen bekommt. Der damalige Intendant von Bismarck konkretisierte die Forderung nach Bildung und Kulturvermittlung mit Hilfe von vier Programmkategorien. folgendermaßen ab:
Die abstrakten Forderungen wurden dann in ein Programmschema umgestzt,
welches dem Werktätigen erlaubte, sich nach Feierabend zu bilden. So
wurde der Telekolleg täglich um
Uhr ausgestrahlt und die
übrigen Bildungssendungen am Wochenende, speziell am Samstag
nachmittag. ``Unterhaltende Serviceprogramme'' gab es täglich um
Uhr. Damit waren Sendungen mit deutlich unterhaltenden
Elementen gemeint, was damals z.B. Psychologie war. Trotzdem
machte man sich auch damals schon keine Illusionen, daß eine
Placierung einer Bildungssendung zur besten Sendezeit
die Nation wißbegierig vor dem dritten Programm
vereint, auf daß sich alle kräftig bilden:
Es ist im Prinzip völlig egal. Entscheidend ist nur, was läuft zur gleichen Zeit im Ersten und im Zweiten Programm [TERLINDEN 1979, S.97,].
Gerade auf Grund der Erkenntnis, daß `Was bin ich?' allemal
attraktiver als Deutsch(1) ist,
war man sich auch von Anfang an klar, daß nicht unbedingt
`aus der ernsten Sache Bildung auch eine anstrengende' werden sollte
[TERLINDEN 1979, S.102,]. Deswegen
war man auch beim Telekolleg bemüht, die Vorteile des Mediums
Fernsehen zu nutzen [TERLINDEN 1979, S.102,]. So sollten von Anfang
an nicht nur sprechende Köpfe sondern auch Grafiken, gespielte
Sequenzen und Experimente zu sehen sein. Trotzdem war das WDF als
Minderheitenprogramm ausgelegt, da gerade Bildung mit Hilfe des
Fernsehens doppelte überwindung seitens des Teilnehmers erfordert.
Zum einen darf er eben nicht zu obiger Unterhaltungssendung `zappen',
obwohl der Fernseher dazu verleitet
. Im Gegensatz zu einer Schulklasse
fehlt im trauten Heim die soziale Kontrolle, wobei noch erschwerend
hinzukommt, daß gerade dieser Ort für Freizeit, Faulheit und
Entspannung steht.
Zum anderen ist von ihm grundsätzlich sehr viel Eigeninitiative
zu erwarten, die natürlich auch von jedem Abendschüler zu erwarten ist
[TERLINDEN 1979, S.95,].
Von Anfang an war die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule geplant und wurde auch durchgeführt [TERLINDEN 1979, S.106,]. Diese wurde weiter intensiviert, als man merkte, daß die Abbrecherquote beim Telekolleg sehr hoch war, wobei hervorzuheben ist, daß vor allem vor der Abschlußprüfung aufgegeben wurde. Als Grund stellte sich die zu optimistisch beurteilte pädagogische Funktion des Fernsehens heraus. Es war schlichtweg zu einseitig in der Wissensvermittlung. Neben der Einseitigkeit stellte sich aber noch ein zweiter gewichtigerer Grund heraus, der völlig vom Inhalt der Sendung unabhängig war. Die Teilnehmer konnten zu Hause ihre ängste bezüglich der Prüfung nicht abbauen, so daß diese schließlich zum Abbruch des Kollegs führte. Der Fernseher konnte den Lehrer nicht ersetzen [TERLINDEN 1979, S.80,]. Sodann wurde zweigleisig gefahren. Das Telekolleg wurde weiterhin im Fernsehen ausgestrahlt. Zusätzlich gab es regelmäßige lokale Treffen der Teilnehmer mit den Prüfern und untereinander, so daß Prüfungsängste abgebaut werden konnten und die Prüfer bereits vor der eigentlichen Prüfung bekannt waren - und umgekehrt [TERLINDEN 1979, S.81,]. In diesen Sitzung konnten dann Verständnisfragen aus dem Wege geräumt werden, so daß die Sicherheit noch weiter zunahm. Mit diesem Modell sank die Abbrecherquote auf unter 50%. Dieses Grundmuster wurde bis in die heutige Zeit beibehalten. Die Begleitzirkel der VHS sind essentieller Bestandteil eines jedes Telekollegs.
Im Jahre 1972 beschließt der WDR eine weitere Abkehr vom reinen Bildungsfernsehen. Dies zeigt sich zuerst in der Einführung der Ressorts Politik, Spiel / Unterhaltung, Wissenschaft / Erziehung und Kultur. Kurze Zeit später folgte dann die Fusion der Ressorts Wissenschaft und Erziehung mit dem Ressort Kultur. Die heftigen Wiederstände (sowohl in der Kulturredaktion des WDR als auch außerhalb) gegen diese Fusion versteht man aus heutiger Sicht nur, wenn man sieht, daß zu dieser Zeit Wissenschaft und Erziehung nicht zur Kultur gerechnet wurden und somit nicht allgemeinbildend vermittelt werden sollten.
Die organisatorische Verpflechtung der in Essenz und medienspezifischer Gestaltung divergierenden Ressorts zu einem die Unterschiede kasuistisch negierenden Oberbegriff `Programmbereich Kultur und Wissenschaft' markiert den vorläufigen Endpunkt einer 1972 sich abzeichnenden Tendenz [TERLINDEN 1979, S.120,].Für die Autorin Terlinden - die in ihrer Abhandlung über die Geschichte des WDR sonst sehr sachlich berichtet - war dies jedenfalls der Anfang vom Ende. Man sieht hier sehr gut, daß der damalige Kulturbegriff stark durch die Elite- und Hochkultur geprägt wurde und daß gerade die Bildungselite diverse Hebel in Bewegung setzte, daß das auch so bleiben sollte. Sie hatte aber keinen Erfolg. Im Zuge dieser Fusion entstanden dann Sendungen, die `nicht nur Inhalte zu vermitteln hatten, sondern auch zugleich im Dienste gesellschaftlicher Vermittlung standen': `Kennen Sie Wulfen?' - eine Sendung, die man heutzztage dem kritischen Geographieunterricht zurechnen würde [TERLINDEN 1979, S.123,]. Natürlich gab es weiterhin den Telekolleg, welcher auch weiterhin schnödes Wissen transportierte. Trotz der Wandlung der Themen und Präsentationsformen gab es immer ein Lernziel. So konnte am Ende - zumindest für den Zuschauer selbst - der Erfolg oder Mißerfolg geprüft werden.
Bildung ist bis heute die Domäne der dritten Programme
[WEIß 1992, S.736,]. Die Privaten besitzen keine formellen
Bildungsprogramme obwohl diese - je nach Auslegung - auch per Gesetz
vorgeschrieben sind.