Der Begriff der Kultur ist ein sehr schwammiger. Will man ihn im
wissenschaftlichen Kontext verwenden, so bedarf er der Präzision.
Diese kann in verschiedener Weise passieren. Zum einen kann unter
Kultur alles verstanden werden, was Menschen kommunizieren, wobei
damit auch die nonverbale Kommunikation gemeint ist. So wäre nach
dieser Definition auch das `inline-skaten' eine Form der Kultur
. Diese globale Definition wird
im Rahmen der Systemtheorie weiter präzisiert, die Kultur als Vorrat
von Themen ansieht [LUHMANN 1987, S.244,]. Diese besitzen den
Vorteil, daß sie Komplexität verringern, so daß Anschlußfähigkeit
gewährleistet ist. Wenn sich also zwei Menschen auf der Straße
treffen, dann könnten sie sich sehr wahrscheinlich über die
Lindenstraße unterhalten, da der Inhalt der Sendung als Thema sehr
vielen Menschen vertraut ist. Natürlich ist auch ein Gespräch über
Quantenelktrodynamik möglich, nur zwischen zufällig ausgesuchten
Menschen relativ unwahrscheinlich. Wenn aber diese beiden Personen
zufällig Physiker wären, dann wäre die Wahrscheinlichkeit
wesentlich größer. Wie man hier sieht, ist die Themenwahl eine
Frage des Subsystems. Nach der Theorie Niklas Luhmanns besitzt jedes
Kommunikationsystem die Tendenz, Subsysteme auszubilden
[LUHMANN 1987, S.259,], die den
den Sinnhorizont für eine bestimmte Zeit einschränken und damit die
Anschlußfähigkeit wahrscheinlicher werden lassen.
| Elite- und Hochkultur | im engeren Sinne | schöne Künste |
| im weiteren Sinne | und | |
| Wissenschaft | ||
| Technik | ||
| Recht | ||
| Medizin | ||
| Religion | ||
| Massen- und Populärkultur | im engeren Sinne | Unterhaltungsindustrie |
| im weiteren Sinne | und Alltagskultur | |
| (z.B. Eßkultur) |
Die meisten Forschungen untersuchen aber nicht das ganze System `Kultur', sondern davon nur Subsysteme (vergleiche Abbildung 1). Diese lassen sich auch aus dem Grunde besser untersuchen, weil sie selbst ziemlich genau wissen, wo ihre Grenzen verlaufen, ja dies oft zu ihrem Thema werden lassen. Da gibt es zum einen die Elite- und Hochkultur im engeren Sinne. Dort sind die schönen Künste versammelt, mit denen sich auch ein bestimmtes Milieu in Zusammenhang bringen läßt, das `Niveaumimieu'. Dieses wendet eine gewisse Energie auf, sich von anderen Milieus abzugrenzen, so daß sich hier das Forschungsfeld praktisch von selbst ergibt. Außerdem ist vieles in diesem Subsystem öffentlich, da es zum Status gehört, zu zeigen, daß man diesem System angehört.
In besonderer Dichte tritt das Milieu in der Hochkulturszene auf; um es zu besichtigen, muß man nur während der Konzertpause ins Foyer gehen [SCHULZE 1992, S.283,].Neben der klassischen Musik zählen alle Bereiche der schönen Künste dazu: Werke berühmter Maler, Dichter, Dramatiker, Philosophen und Bildhauer[WEIß 1992, S.734,]. Alles Werke, die keinen praktischen Nutzen besitzen, sondern den Gesetzen der ästhetik gehorchen
Die Elite- bzw. Hochkultur kann man aber auch im weiteren Sinne fassen. Es ist eine Definitionsfrage, was an einer Kultur so wertvoll ist, daß sie Hochkultur genannt werden sollte. Läßt man noch kulturelle Errungenschaften mit pragmatischerem Wert zu, so kommen zu den `schönen Künsten' noch weitere Bereiche hinzu: Wissenschaft, Technik, Recht, Medizin und Religion [WEIß 1992, S.734,]. Dies sind alles Errungenschaften, die eine Gesellschaft charakterisieren, diese erst ausmachen. Oder anders ausgedrückt: ein Staat wird erst zum Staat durch diese kulturellen Errungenschaften. Das Rechtssystem sorgt z.B. für die innere Stabilität oder das Wissenschaftsystem zur Verbesserung der Selbstbeschreibung der Gesellschaft.
Im Gegensatz zur Hochkultur gibt es noch die übrige Kultur, die nicht durch ein kleines Subsystem repräsentiert wird, sondern die gesamte Gesellschaft durchdringt. Es ist die Massen- und Populärkultur, welche im engeren Sinne durch die Unterhaltungsindustrie verkörpert wird [WEIß 1992, S.734,]. Die Unterhaltungsindustie gehorcht vor allem den Gesetzen des Marktes, ist also mit dem Subsystem Wirtschaft eng verwoben. Alles was mindestens bezahlbar ist oder Gewinn abwirft, wird produziert. Alles was es nicht ist, wird wieder fallengelassen oder erst gar nicht in Angriff genommen. Auf Grund dieses sehr einfachen Kriteriums entsteht das Gebilde der Populärkultur im engeren Sinne. Dabei ist wichtig, wo diese Kultur vor allem praktiziert wird. Die Massenmedien werden nämlich vor allem in der Freizeit genossen. Man könnte diese Kultur auch als Freizeitkultur im engeren Sinne bezeichnen. Natürlich durchdringt sie auf Grund der Produktion von Themen auch den Beruflichen Sektor. Aber die Rezeption der Massenmedien ist ein Charakteristikum der Freizeit.
Betrachtet man die Massen- und Populärkultur im weiteren Sinne,
so ergibt sich der umfassenste Kulturbegriff. Dieser schließt
so allgemeine Errungenschaften wie Eßkultur oder Trinkkultur ein
[WEIß 1992, S.735,]. Diese Definition macht vor keinem Milieu
halt, so daß sie für integrative Theorien genutzt werden kann.