Theaterkommunikation:

Schauspielhaus Bochum und Oper Dortmund
Der Intendantenwechsel in Bochum und Dortmund
aus der Sicht der Szenezeitschriften
bospect, coolibri, MARABO und PRINZ

Seminarleiter: Prof.Dr.Franz R.Stuke

Referent / Hausarbeit: Bernd Porr

PuKW, Physik, Psychologie

Inhalt

Einleitung

Zum Beginn der Spielzeit 95/96 gab es sowohl in Dortmund als auch in Bochum einen Intendantenwechsel. Diese Hausarbeit betrachtet nun diese beiden Wechsel aus der Sicht der Szenemagazine, die im Ruhrgebiet erhältlich sind. Dabei konzentriert sich die Analyse vor allem auf Berichte, in denen die Personen Dew und Haußmann thematisiert wurden und nur dann auf deren Inszenierungen, wenn dort auch etwas konkretes über deren Intention oder Selbstverständnis zu erfahren war. Interessiert haben dabei vor allem Interviews oder Berichte, die direkt den Intendantenwechsel thematisiert haben. Hinzugenommen wurden auch Artikel, die die alte Intendanz betreffen und neuere, die einen Stimmungsumschwung in der Redaktion bezüglich der Intendanten markiert haben könnten.

Die Analyse beschäftigt sich zuerst mit Leander Haußmann. Und zwar wird bei jedem Szenemagazin zuerst die zeitliche Entwicklung der Berichterstattung untersucht. Im Anschluß wird dann die Person Haußmann mit Hilfe von Stereotypen, die man in den Artikeln findet, konstruiert. Das Material bezüglich John Dew ist leider nicht so üppig, so daß die Einteilung dort etwas gröber ausfällt. Auch dort wird abschließend ein Stereotyp `gebastelt', welches nach der Lektüre der Szenemagazine entstehen könnte.

Leander Haußmann

Zeitliche Entwicklung

Überblick

Die beiden Intendantenwechsel wurden in allen vier Szenezeitschriften thematisiert. Interessant ist, wann dieser Wechsel für diese Zeitschriften relevant wurde und wann darüber schwerpunktmäßig berichtet wurde. In Bochum symbolisierten zwei Inszenierungen den Intendantenwechsel: Steckels letzte Inszenierung, der 7 stündige Hamlet und Haußmanns erste Inszenierung, die 9 Stunden dauernden Vaterlosen. Aus diesem Grunde wurden auch Rezensionen vom Hamlet in die Auswertung mit einbezogen. Gerade bei Haußmann muß man differenzieren, ob über seine seine Konzeption oder über sein Äußeres berichtet wird.

bospect

bospect berichtete als Bochumer Szenemagazin über den Intendantenwechsel Steckel - Haußmann. Die Geschehnisse in Dortmund wurden konsequenterweise nicht thematisiert.

Die Wahl des neuen Intendanten fand im Herbst 1993 statt. Zu diesem Zeitpunkt interessierte sich nur bospect für diesen Wechsel, wobei vor allem die eigentliche ,,Wahl`` im Zentrum des Interesses stand (bospect 3/93, S.?; B.3.1, S.[*]). Die Kulturdezernentin hatte ,,selbstherrlich`` an der Findungskommission vorbei Haußmann zum neuen Intendanten des Schauspielhauses erklärt. Der angehende Intendant wird dabei durchaus als ,,interessanter`` Kandidat gesehen, welcher durch das Verhalten der Kulturdezernentin schon in dieser frühen Phase vielleicht dauerhaft ,,beschädigt`` werden könnte. Die folgende Berichterstattung des bospects konzentriert sich weiterhin auf die Kultursenatorin und auf den zu diesem Zeitpunkt noch im Amt befindlichen Intendanten Steckel. Es gab relativ wenig Berichte bezüglich Haußmann, da - nach Aussage einer Mitarbeiterin[*] - über ihn in diversen anderen Zeitschriften nach der Bekanntgabe der Entscheidung zu seinem Gunsten ausführlichst und monatelang berichtet wurde.

Nur zur Kooperation Schauspielhaus-VfL gibt es einen längeren Artikel (bospect 11/95, S.4ff; B.3.1, S.[*]). Dieser beleuchtet im Rahmen eines Interviews mit Schauspielern des Schauspielhauses den Gegensatz Fußball - Schauspiel und die Möglichkeiten, die in einem gegenseitigen Austausch von Zuschauern stecken. bospect sieht es durchaus positiv, daß Haußmann versucht, mit Hilfe solch einer Kooperation die Barrieren zwischen ,,geistiger Hochkultur und Volksvergnügen`` zu überwinden. Das Schauspielhaus solle ,,nicht nur auf Grund von Theaterstücken zum Tagesgespräch`` werden, sondern auch durch andere Ereignisse, wie z.B. durch Stadionbesuche oder Rockkonzerte. Auch auf der Bühne soll sich einiges ändern. Der ,,neue Wirbelwind`` Leander Haußmann soll die ,,kopflastigen Inszenierungen unter der Intendanz von Frank Patrick Steckel`` ablösen, bei denen man sich doch öfter ,,beim Blick auf die Armbanduhr ertappt`` hatte. Die Autoren hoffen, daß der neue Intendant auch das studentische Publikum wieder öfter ins Schauspielhaus lockt, welches sich zum Ende der Ära Steckel nur noch ,,zu den Highlights`` eingefunden hatte.

bospects Meinung über Haußmann ändert sich auch nach der ersten Inszenierung - den Vaterlosen - nicht (bospect 12/95, S.12; B.3.1, S.[*]). bospect geht nur in der Einleitung der Rezension des Stückes auf den Presserummel um Haußmann ein (,,frisch durchgepustete`` Gänge des Schauspielhauses) und konzentriert sich dann auf den Inhalt des Stückes bzw. auf die Inszenierung. Die Besprechung fällt dabei durchaus positiv aus. Haußmann wird weiterhin mit Hilfe positiv besetzter Attribute als richtige Wahl für Bochum bezeichnet.

bospect konzentrierte sich bis zur letzten Ausgabe zum Jahreswechsel 95/96 auf Insiderberichte und Rezensionen.

MARABO

Die Zeitschrift MARABO kümmert sich bereits im Sommerloch um den neuen Intendanten. Mit einem langen Interview wird Haußmann vorgestellt (MARABO 6/95, S.38ff; B.1.1, S.[*]). Die Einleitung des Interviews charakterisiert sowohl die `inneren' als auch die `aüßeren' Werte, wobei diese in jeder Beziehung positiv ausfallen. Der Interviewer ist sehr gut vorbereitet. So kennt er dessen Biographie, Inszenierungen, die Stimmen der Kritiker der Hochkulturszene und diversen Klatsch.

Für die vermeintliche Zielgruppe sind wohl die `aüßeren' Werte wichtiger. Das Informationsbedürfnis wird dann auch durch die Akzentuierung dieses Aspektes wahrscheinlich gedeckt. So widmet sich ein Absatz der physischen Attraktivität Haußmanns und ein zweiter der adäquaten Umhüllung, Verdeckung und Verstärkung durch feine Stoffe ,,beiges Cordjackett``, Brillen ,,Ray Ban`` und Zigaretten ,,Javaanse Jongens``. Die daraus resultierenden (positiven) Effekte in seiner Umgebung - speziell beim weiblichen Geschlecht - werden auch besprochen. Alles in allem macht er den Eindruck eines Menschen, mit dem man sich auf Grund seiner positiven Eigenschaften gern identifiziert.

Im Verlauf des Interviews geht es dann aber vor allem um die Theaterkarriere, die sich als typische Tellerwäscherkarriere bezeichnen läßt: vom Druckerlehrling zum Theaterintendant. Der Weg dorthin wurde durch die Erkenntnis geleitet, daß der Beruf des Graphikers zu ,,langweilig`` war. Haußmann verwendet noch öfter das Wort langweilig, um bestimmte Sachverhalte zu charakterisieren (z.B. die 68er) und liegt damit voll im Trend der Berichterstattung von Szenemagazinen. Auch für sie ist die Differenz ,,langweilig oder nicht`` eine Leitunterscheidung. Das schlimmste, was einem Szenemenschen am Wochenende im Bermuda-Dreieck passieren kann, ist, auf langweilige Menschen zu treffen.

Auch als Chef macht er eine gute Figur. Sei es nun, daß MARABO dies will oder weil Haußmann sich in Szene setzen kann oder weil er wirklich so ist. Für ihn ist Machtgebrauch eine Kindergartenmethode. Die Schauspieler arbeiten für ihn, weil sie ihn mögen und nicht weil er sie zu ihrer Arbeit zwingt. Dieses Image wird durch eine gehörige Portion Idealismus (,,...könnte auf dem freien Markt mehr verdienen``) abgerundet.

Bezüglich seiner Theaterkonzeption trifft er zwar nicht das Selbstverständnis des Hochkulturschemas ,,erst die Arbeit dann das Vergnügen`` aber dafür das der sogenannten (studentischen Theaterwissenschaftler-) Szene, die sich Theater schon immer gefühlsorientiert, extravertiert und laut in jeglichem Sinne gewünscht hat: ,,erst das Vergnügen und dann die Arbeit - aber bitte erst nach dem Wochenende``.

Am Ende hat man den Eindruck, daß mit Haußmann etwas neues anfängt.

Im Oktober wird dann der Spielplan des Schauspielhauses vorgestellt (MARABO 10/95, S.46; B.3.2, S.[*]). Der Autor weist in seinem Text mehrfach darauf hin, daß ,,das Komödiantische im Vordergrund steht``. Somit beweist er belegt er das Motto ,,viel Spaß`` mit der Gestaltung des Spielplanes. Zwei Inszenierungen wurden von Haußmann bereits woanders uraufgeführt, was der Autor leicht abwertend als ,,aufwärmen`` charakterisiert.

Um die Zeit bis zur Premiere der Vaterlosen etwas zu überbrücken, taucht Haußmann in der Klatsch-Spalte des Magazins auf, wobei der Inhalt des dort dargebotenen Textes wahrscheinlich gar nicht entscheidend ist, sondern die Nennung seines Namens (und die Präsentation eines relativ unscharfen Fotots) in gerade dieser Spalte (MARABO 11/95, S.12; B.3.2, S.[*]).

Die Rezension in der Dezemberausgabe der Die Vaterlosen differenziert das positive Bild Haußmanns (MARABO 12/95, S.90; B.3.2, S.[*]), indem beim Erfolg bezüglich PR und Inszenierung differenziert wird. Der Autor beglückwünscht Haußmann auf jeden Fall dazu, daß er in die Public-Relations-Geschichte des Theaters eingehen wird. Bezüglich seiner inszenatorischen Leistungen kocht auch er nur mit Wasser: ,,Im Ernst, Haußmann ist gut -- aber das sind einige.``.

Zentral ist, daß der Autor herausarbeitet, wie sich das durch die PR-Arbeit positive Image auf die Erwartungshaltung der Theatergemeinde ausgewirkt hat. Mit anderen Worten: wie sich die Persönlichkeit Haußmanns auf die Vorabberichterstattung bezüglich des Schauspielhauses ausgewirkt hat. Haußmann ist dabei das Symbol für Aufbruch und Neues, mit dem ,,alles anders wird. Endlich anders. Einfach anders.``. Dabei hat es wohl der Gemeinde genügt, daß es ,,anders`` wird, was immer ,,anders`` bedeutet[*]. Haußmann hat es ihm Rahmen eines ,,gigantischen PR-Coups`` geschafft, Projektionsfläche für die Wünsche aller Theaterzuschauer zu werden. Jeder mag ,,anders`` anders definiert haben aber jeder hat es positiv besetzt. Der Vorteil der Person Haußmanns ist es also, daß gerade durch die ,,personality-show`` die konkreten Inhalte keine Rolle gespielt haben, so daß diese dann von jedem (potentiellen) Zuschauer selbst ausgeschmückt werden konnten.

PRINZ

Der PRINZ erwähnt Haußmann das erste Mal in der Klatsch-Spalte, wobei es auch hier wohl eher um die Nennung des Namens in dieser Spalte geht, als um die Information, daß Haußmann nicht Karaoke singen wollte (PRINZ 5/95, S.12; B.2.2, S.[*]).

In das Bewußtsein der Leser dringt er aber wohl erst, als er zum PRINZ des Monats erklärt wird (PRINZ 6/95, S.6; B.3.3, S.[*]). Neben einem kurzen Einspalter posiert Haußmann vor dem neuen Logo des Schauspielhauses.

Parallel zum Marabo wird auch hier Haußmann mit positiven Attributen beschrieben. Das gilt sowohl für seinen Charakter (,,charmant``) als auch für die neue Theaterkonzeption (,,Scharf auf Emotionen``). Der Schwerpunkt des Textes liegt dann aber mehr bei allgemeinen Aussagen als bei konkreten Hinweisen, wie es denn nun Inhaltlich wird. Allgemein hat man den Eindruck, daß Haußmann sich einiges hat einfallen lassen. So will er u.a. durch eine Kooperation mit dem VfL die Theaterbastion der 68er stürmen. So klingt selbst das Zitat aus der Hochkulturpresse nicht abwertend, sondern eher nach dem Motto `viel Feind, viel Ehr': ,,fröhlichste Regie-Null Deutschlands``. Das Theater soll zum Mehrzweckhaus werden, in welchem nicht nur Theater gespielt wird, sondern auch Parties gefeiert und Rockkonzerte veranstaltet werden sollen. Ja das Theater soll wieder zu einem Zentrum der Kultur werden.

Im Oktober wird dann Haußmann nochmal im Rahmen einer Vorstellungsrunde, in der alle Ruhrgebietsregisseure zu Wort kommen, vor allem mit Gegensatzpaaren beschrieben: auf der einen Seite Steckel auf der anderen (der Sonnenseite) Haußmann (PRINZ 10/95, S.110; B.3.3, S.[*]). In Anspielung auf Steckels ,,Warten auf Godot`` wird das Gegensatzpaar Godot - Haußmann aufgebaut. Auf den einen warten wir vergeblich, der andere ist im November da. Und zwar mit einer ganzen Reihe außergewöhnlicher Einfälle und Vorstellungen. Selbst wenn Haußmann ,,gleich reihenweise Theatertexte zertrümmert und nicht jeder die Totaloperation überlebt``, ist das zwar nicht unbedingt im Sinne des Theaters aber auf jeden Fall cool und niemals langweilig.

Erst am Ende entdeckt der Autor doch ein kleines Wölkchen über dem Intendanten. Man könnte fast meinen, daß der Autor sich bezüglich der kommenden Premiere absichern wollte, falls es doch nicht so toll wird wie gemeinhin prophezeit: ,,Prophet oder Scharlatan¿`

coolibri

Während PRINZ, MARABO und bospect auf Einheitlichkeit achten, läßt die Redaktion des coolibri die Premieren des neuen Intendanten Haußmann von zwei Personen rezensieren. Der erste Artikel ,,Die Musik der Papageien`` beschäftigt sich mit den Inszenierungen von ,,Musik`` und ,,Den Lügen der Papageien`` (coolibri 12/95, S.58; B.3.4, S.[*]). Über der eigentlichen Rezension schwebt ein Zitat von Leander Haußmann: ,,Es (das Theater) sollte wieder die Aura des Heiligen und des Unnahbaren bekommen, des Geheimnisvollen als eines der wenigen Mysterien gerade zu dieser Zeit, die das Rationale und Materielle zum Lebensideal ausgerufen hat.`` Der Kritiker nimmt Haußmann beim Wort und testet drei Spalten lang die beiden Aufführungen auf den vermeintlichen Gehalt an Mysterien, welcher sich aber als nicht gerade als hoch herausstellt. Bei ,,Musik`` läßt sich diese Diskrepanz zwischen `Soll' und `Ist' entschuldigen, da das Stück überhaupt nicht der neue Intendant sondern der neue Hausregisseur Jürgen Kruse inszeniert hat: ,,Und wenn das Publikum am Schluß auch noch mit dem Zaunpfahl erschlagen wird, kann man sich bestenfalls freuen, daß es bei Kruse mit den Mysterien nicht sooo weit her ist.``

Das Stück ,,Die Lügen der Papageien`` wurde nun wirklich von dem neuen Intendanten inszeniert, welches trotz der Überschrift ,,Theaterspaß`` weiterhin auf Mysterien hin untersucht wird. Haußmanns angebliches Lieblingswort ,,Spaß`` verwendet der Rezensent durchaus im ursprünglich unschuldigen Sinne. Inhaltlich geht es in dem Stück um den Probenbetrieb am Theater unter besonderer Berücksichtung sämtlicher zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Der Blick hinter die sogenannten Kulissen des Theaters zeigt sehr schön auf, daß es im Theater auch nicht anders ist als im schnöden Alltag: ,,Das Theater gewinnt nicht gerade an Heiligtum und Geheimnisfülle, wo Marbers Text gespielt wird.`` Trotzdem wird Haußmann für die Wahl dieses Stückes gelobt, da es eben gerade den Bühnenbetrieb in exakt dem Maße entlarvt, ,,wie Leander Haußmann das deutsche Theater retten wird: nämlich nur für den, der das eine wie den anderen zu ernst nimmt.``

Obwohl die beiden Stücke nun wirklich nicht nur Mystifizierung des Theaters beitragen, dreht der Rezensent Haußmann daraus keinen Strick. Die Aussagen Haußmanns sind für ihn mehr ein netter Aufhänger als ein ernst zu nehmender Maßstab. Ihn interessieren mehr die konkreten Inhalte, die auf der Bühne gespielt werden als Haußmannsche Aussagen zu Gefühl und Emotion.

Der zweite Artikel in der gleichen Ausgabe des coolibri ist eine Rezension der ,,Vaterlosen``, welche auch von Haußmann inszeniert wurde (coolibri 12/95, S.59; B.3.4, S.[*]). Während die oben besprochene Kritik sich vor allem mit den `Mysterien' beschäftigt, wird hier vor allem der Spaßaspekt beleuchtet, welcher hier nicht nur Aufhänger, sondern das durchgängige Thema darstellt. Dazu bemüht der Kritiker die Metapher eines Regenmachers, der in Brasilien mit einem Holzschlauch klappert, um Regen herbeizurufen. In Deutschland hämmert vor allem Leander Haußmann auf den Brettern (die die Welt bedeuten) herum, ,,bis der Witz herauskommt``. Man merkt, daß der Autor bereits im Vorfeld Daten über Haußmann gesammelt hat, die jetzt im Rahmen der Rezension nach und nach gegen Haußmann abgefeuert werden. Ob dazu die eigentliche Aufführung relevant war oder nicht, ist aus dem Text nicht eindeutig ersichtlich. Im Einzelnen bringt er folgendes gegen Haußmann vor. Als erstes nennt er die ,,Regeln der Spaßmacher``, die er direkt von den Regeln der Regenmacher ableitet. Haußmann als Mitglied dieser vom Rezensenten nicht gerade favorisierten erstgenannten Gruppe wird durch drei Regeln charakterisiert, die wohl alle aus dem Interview (MARABO 6/95, S.38ff; B.1.1, S.[*]) stammen:

Die Wahl der Zitate erscheint relativ willkürlich, da auch andere Zitate in solch einer Form nur abwertend verstanden worden wären, da dieser Effekt vor allem durch die ergänzende Kommentierung (,,aberwitzig``) entsteht. Auch die Behauptung Haußmanns, daß ,,Tscgechows Text ein Brühwürfel`` ist, wird (natürlich) mit einer ,,trüben Suppe`` seitens des Rezensenten geahndet. Die Geschichte des Regenmachers muß dann für den sehnlichsten Wunsch des Kritikers herhalten: ,,...und jagten ihn kurzerhand davon``.

Die Kritik beschäftigt sich über weite Stecken nicht mit der Inszenierung der ,,Vaterlosen`` sondern vor allem mit Haußmanns allgemeinen Aussagen über das Theater und dessen Nähe zu der Gefühlsregung ,,Spaß``. Diese gesammelten ,,Fakten`` werden dann zum Anlaß genommen, einen allgemeinen Frontalangriff gegen den neuen Intendanten zu starten. Solch eine undifferenzierte Breitseite kann man einfach nur als generelle Abneigung des Autors bezüglich Haußmann interpretieren.

Stereotype und Brüche

Die Berichterstattung über den Intendantenwechsel läßt im Leser des Szenemagazins ein bestimmtes Bild des Intendanten Leander Haußmann entstehen. Dieses Bild stellt sich gerade bei ihm nicht nur auf Grund der Aufarbeitung seines privaten und beruflichen Werdeganges her, sondern wird ergänzt durch seine zahlreichen Äußerungen, die vor und zum Spielzeitbeginn immer gern abgedruckt wurden. Diese (oftmals ketzerischen) Aussagen werden auch noch in den ersten Kritiken der neuen Stücke verwendet. So dienen diese mal als roter Faden (coolibri 12/95, S.58; B.3.4, S.[*]), als Mittel zum Zweck (coolibri 12/95, S.59; B.3.4, S.[*]) oder als Zusatzinformation neben einer ansonsten sachlichen Kritik (MARABO 12/95, S.90; B.3.2, S.[*]).

Durch seine Äußerungen erreichte er auf jeden Fall eines: Polarisierung -- und das schon vor der ersten Inszenierung in Bochum. Die Kritiker der Szenemagazine lesen eben auch die überregionalen Feullietons der großen Tageszeitungen und schreiben daraus munter ab. So wird sehr gern die ,,fröhlichste Null unter Deutschlands Regisseuren`` zitiert (PRINZ 6/95, S.6; B.3.3, S.[*]) oder aber als Gegenpol der ,,`shooting star' der Spielzeit 1990/91`` (MARABO 6/95, S.38ff; B.3.2, S.[*]) benutzt.

,,Emotion ist alles``


MARABO 6/95 S.38ff große Gefühl -- Völlerei -- Sinnlichkeit -- Genuß -- Kitsch und Pathos große Gefühle -- ,,Soll an der Szene Spaß haben``
bospect 11/95 S.4ff Emotionalität des Fußballs als Vorbild
PRINZ6/95S.6 ,,Scharf auf Emotionen`` -- ,,Emotion ist alles``
PRINZ 10/95 S.110 ,,Theater der Emotionen [...]``
MARABO 11/95 S.12 ,,...Sofia Loren auf dem ersten Plakat der Ära Haußmann. Merke: Emotion ist alles.``
coolibri 12/95 S.58 Das Theater ,,soll wieder die Aura des Heiligen und des Unnahbaren bekommen, des Geheimnisvollen als eines der wenigen Mysterien gerade zu dieser Zeit.``
coolibri 12/95 S.54 ,,rigoroses Theater der Gefühle``
Tabelle: ,,Emotion ist alles`` 

Alle Äußerungen Haußmanns, die die Kategorie `Emotion' beziehungsweise `Spaß' betreffen, werden von den Szenemagazinen mit größtem Interesse bedacht (siehe Tab. 1). Praktisch in jedem Artikel wird dieses Thema angeschnitten. So legt der Prinz Wert darauf, daß Haußmann ,,scharf auf Emotionen ist`` (PRINZ 6/95, S.6; B.3.3, S.[*]) und der Marabo erinnert in der Klatschspalte die Leser, daß ,,Emotion alles ist`` (MARABO 11/95, S.12; B.3.2, S.[*]).

Es hat mindestens drei Gründe, warum dieses Thema so interessant ist. Erstens ist die Steckelsche Ära eher durch nachdenkliche, düstere und politische Stücke in die Theatergeschichte eingegangen (MARABO 7/95, S.94; B.3.2, S.[*]). Gerade das Wort ,,Spaß`` steht im krassen Gegensatz zu Steckels Theaterverständnis, daß ,,das Leben unerträglich machen`` soll und daraus resultierend auch die Rezeption seiner Inszenierungen. Auch das ,,Emotionale`` ist bei Steckels Inszenierungen die falsche Charakterisierung, wenn man damit die Rezeptionsweise des Theaterzuschauers meint. Haußmann sieht das genau entgegengesetzt. Der Zuschauer soll nicht durch eine Textanalyse zu Erkenntnissen kommen sondern durch das Schauspiel emotional angesprochen werden und dabei seine individuellen Schlüsse daraus ziehen (MARABO 6/95, S.38ff; B.1.1, S.[*]). So war sein Bekenntnis zu ,,Emotion`` und ,,Spaß`` eine krasse Änderung des Selbstverständnisses des Schauspielhauses.

Zweitens ist natürlich ,,Spaß`` ein durchaus umstrittener Begriff -- gerade im sogenannten ,,Hochkulturschema``.

Hochkulturelle Alltagsästhetik ist geprägt von einer Zurücknahme des Körpers. Konzentriertes Zuhören, stilles Betrachten, versunkenes Dasitzen -- fast immer befindet sich der Organismus im Ruhezustand. Heftige körperliche Reaktionen wie Klatschen, Pfeifen, Bravo- oder Buhrufe sind nur im Anschluß an die Darbietung üblich, nicht mittendrin (ganz im Gegensatz zur Jazz- und Rockmusik, über die an anderer Stelle noch zu sprechen sein wird). Tränen, Seufzen, laute Heiterkeitsausbrüche, Erröten, Mitsingen und andere körperliche Formen des Mitgehens verstoßen gegen den Kodex vergeistigter Empfangshaltung des kunstgenießenden Publikums [SCHULZE 1992, S.143].
Wenn Haußmann fordert, daß ,,Sinnlichkeit und Völlerei`` im Theater wieder eingeführt werden sollte, dann ist das eine Kampfansage an das Hochkulturschema, für das das Theater der Identifikationsort schlechthin ist. Die Mitglieder dieses Schemas blickten auf eine lange (Theater-) Tradition zurück, die es natürlich gilt, weiterzuführen und gegebenenfalls zu verteidigen. Das Hochkulturschema existiert zu einem nicht gerade geringen Teil durch die Verhaltensweisen im Theater. Wenn ein Intendant diese verändern möchte, dann bedeutet das aus der Perspektive dieses Schemas Gefahr. Nun brachte Haußmann nicht nur das Emotionale auf die Bühne und von dort aus zum Zuschauer, sondern organisierte in der Kantine ZadEck Rockkonzerte und Partys. Das setze konsequenterweise seinem Treiben die Spitze auf und brachte die Mitglieder des Hochkulturschemas wahrscheinlich vollends zur Weißglut. Es ist offensichtlich, daß über solch eine ,,Kampfansage`` berichtet werden muß. Und das nicht nur, weil alle Leser dem Hochkulturschema angehören. Sondern es ist auch für andere interessant, wenn ein in der Gesellschaft ganz offensichtlich als ,,arrogant`` bekanntes Schema von einem neuen Intendanten angegriffen wird.

Betrachtet man nun nicht Schemata sondern Szenen, speziell die hier interessierende ,,Neue Kulturszene``, dann sieht man, daß Haußmann gerade diese mit seiner Konzeption erreicht.

Zur Aufführungskultur der Zwanglosigkeit gehört auch das Essen, Trinken und Rauchen während der Veranstaltung. So undenkbar ein Opernzuschauer ist, der einen Schluck aus der Flasche nimmt, so abwegig ist die Vorstellung eines Popkonzerts ohne Cola und Bier. Bis in die Sitzhaltungen, Mienenspiel und Gesprächsgegenstände hinein wirkt die Aufführungskultur der Spontaneität, die sich von der traditionellen Aufführungskultur der feierlichen Ordnung krass unterscheidet [SCHULZE 1992, S.481].
Diese Szene besucht nicht nur Rockkonzerte, sondern widmet sich auch intensiv der Kleinkunst (Kabartett, Jazz, Lesungen, ...). Sie stellt das Subversive im Gegensatz zur Hochkulturszene dar. Diese ,,Neue Kulturszene`` ist wahrscheinlich der eigentliche Motor der Kulturszene. Hier wird noch mit Neuem experimentiert. Diese Szene ist noch ,,offen für ambitionierte ästhetische Projekte``, die -- wenn sie einmal etabliert sind -- später von der Hochkulturszene übernommen und dann ,,endgültig in die Vergangenheit befördert`` werden [SCHULZE 1992, S.480]. Daß Szenemagazine gerade solche innovativen Projekte und Kleinkunstereignisse ankündigen und darüber berichten zeigt deren enge Verbundenheit mit dieser Szene. Wenn sich also im etablierten Stadttheater, welches eher in der Hochkulturszene anzusiedeln ist, etwas entwickelt, was bis zu dem Zeitpunkt des Intendantenwechsels eher den Kleinkunstbühnen und Discos vorbehalten war, dann wird das natürlich von den Szenemagazinen gewürdigt, kritisiert oder zumindest zur Kenntnis genommen[*].

Physische Attraktivität


Bospect 11/95 Wirbelwind
Marabo 2/96 uneitel -- Theaterzampano
Marabo 6/95 blond -- beiges Cordjackett -- braune Wildlederschuhe -- schwarze Jeans -- dunkelgraues T-Shirt mit Knopfleisten -- trägt eine Ray Ban -- raucht Javaanse Jongens

elegisch -- Geschmacksunsicher im Umgang mit Stilen -- weiß sich in Sezene zu setzen und zu legen -- smart -- umschwärmt -- Frauen lieben ihn -- Werbung für Windsor -- hat Groupies -- Stammkneipe Tucholsky -- locker -- unverkrampft -- wollte als Jugendlicher vor allem Frauen vögeln und ihnen imponieren
Tabelle: Äußere und innere Werte 

Die physische Attraktivität Haußmanns ist immer wieder Thema in den diversen Artikeln über den Intendantenwechsel (siehe Tab. 2). Wie konkret das Aussehen des Intendanten thematisiert wird, ist sehr unterschiedlich. Das kann zum einen ein relativ unscharfer Schnappschuß -- entstanden in seiner Stammkneipe -- sein, welcher dann der Vollständigkeit halber mit etwas Text garniert wird (MARABO 11/95, S.12; B.3.2, S.[*]). Zum anderen ist es die peinlich genaue Beschreibung seines Äußeren (siehe Abb. 2 und die daraus entstehenden Konsequenzen beim anderen Geschlecht: "Die Frauen, das steht schon jetzt fest, lieben den smarten blonden...`` (MARABO 6/95, S.38ff; B.2.1, S.[*]). Gerade beim letztgenannten Artikel wird durch die ausführliche Beschreibung seines äußeren Erscheinungsbildes auch dem letzten Leser bewußt, daß Haußmann in Sachen Aussehen etwas Besonderes darstellt.

Warum die physische Attraktivität so wichtig ist, liegt bei den Szenezeitschriften auf der Hand. Deren Zielgruppe sind die jungen nach außen orientierten Großstädter, denen Äußeres wahrscheinlicher wichtiger ist als das bei anderen Gruppen der Fall ist[*]. Selbst Gruppen, die angeblich nur die inneren Werte honorieren, benutzen die Unterscheidung schön -- häßlich. Die ,,außeren Werte`` spielen eben doch eine ziemlich zentrale Rolle in unserer Gesellschaft [BIERHOFF 1993, S.61]. Nun sorgt aber Haußmanns Aussehen eben nicht nur dafür, daß er dem Szenepublikum besser ankommt, sondern auch dafür, daß sich praktisch ganz Deutschland für ihn interessiert (z.B. Harald Schmitt Show).

Attraktive Personen bewirken aber bei ihren Beobachtern noch einen anderen Effekt. Die beobachtenden Personen konstruieren nämlich Persönlichkeitseigenschaften in die attraktive Person hinein. Daß die vor allem positiv sind, versteht sich fast von selbst: ,,Was schön ist, ist auch gut`` [BIERHOFF 1993, S.66]. Es sieht so aus, daß diese Eigenschaften vor allem kulturell festgelegt sind und dann mit der attraktiven Person assoziiert werden.

Das Aussehen wirkt sich besonders deutlich auf die Beurteilung von sozialer Kompetenz aus, weniger stark auf Anpassung, intellektuelle Fähigkeiten und Dominanz, und gering bzw. überhaupt nicht auf Integrität und Interesse an anderen [BIERHOFF 1993, S.66].
Zu ergänzen ist, daß physische Attraktivität auch die berufliche Karriere positiv beeinflußt[*]. Daß wiederum Aussehen und real vorhandene Persönlichkeitseigenschaften überhaupt nicht korrelieren, braucht auch beinahe nicht erwähnt werden.

Die Frage stellt sich nun, ob der Redakteur der Zeitschrift und auch der Leser positive Eigenschaften in den Intendanten hineinprojiziert. Zumindest für ihn selbst ist die Lage klar: ,,Man kann gar nicht so gut ficken, wie die denken.`` (PRINZ 11/96, S.7; B.1.2, S.[*]). Es ist natürlich schwer festzustellen, was in Haußmann hineinprojiziert wurde und was Faktum war und ist. Trotzdem gibt es diverse Hinweise. So waren die Erwartungen vor der ersten Premiere unter seiner Intendanz fast grenzenlos. Alle Zeitschriften träumten vom großen Neuanfang.

Hingegen kommt das Schauspielhaus bisweilen anachronistisch daher, mit gedämpftem Pausengemurmel, andächtiger Teilnahme und intellektuellem Gehabe (bospect 11/95, S.4ff; B.3.1, S.[*])
Mit Haußmann sollte dies alles ein Ende haben. Der PRINZ äußert sich ähnlich, denn er sich freut sich, daß der ,,Neue an der Ruhr neue Wege gehen`` wird und schließt mit einem Zitat aus der Pressekonferenz: ,,Theater ist überall`` und drückt damit den Unmut aus, den auch schon bospect geäußert hat, daß nämlich das Theater nur noch für eine kleine elitäre Minderheit da ist. Schließlich der MARABO freut sich darüber, daß Haußmann endlich wieder ,,das große Gefühl`` auf die Bühne zurückbringen wird. Das ist zwar auch dem Prinz wichtig aber der Marabo legt wert darauf, daß dieses wohl bei Steckel verlorengegangen ist und nun von Haußmann wieder reanimiert wird. Der coolibri kümmert sich bis zur Kritik der ,,Vaterlosen`` übrigens überhaupt nicht um irgendwelche Haußmannschen Gefühle, Frauengeschichten oder ähnlichen Dinge. Der coolibri hält sich beim neuen Intendanten vornehm zurück und beschränkt sich trotz des Rummels um ihn auf die Kritik der Stücke -- mit einer Ausnahme (coolibri 3/96, S.52; B.3.4, S.[*]). Sptestens nach der ersten Premiere unter Haußmanns Intendanz macht sich dann aber leichte Katerstimmung breit. So stellt der MARABO fest, daß ,,Haußmann ist ein Teil des Clinton-Phänomens [ist], das Aufbruch als Selbstzweck verkündet`` und vergleicht ihn im gleichen Atemzug auch mit ,,Windows 95``, welches zwar eine neue Oberfläche besitzt aber darunter nichts neues zu bieten hat (MARABO 12/95, S.90; B.3.2, S.[*]). Auch Haußmann kocht eben nur mit Wasser. Der PRINZ hat das gleiche Erlebnis, so fragt er sich nach den ersten Premieren -- wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet -- wo denn diese hohen Erwartungen hergekommen sind: ,,Oder macht er nur Theater¿` (PRINZ 11/96, S.7; B.1.2, S.[*]). Es ist eben schwierig im Theater etwas anderes als Theater zu machen. Aber alle haben sich vorgestellt, daß das möglich ist. So wird Haußmann nach den ersten Premieren vornehmlich als das gesehen, was er eigentlich ist: ein Theaterregisseur.

Einzig der coolibri hat erst einmal -- wie gesagt -- abgewartet und die Prophezeiungen Haußmanns erst in der Kritik der ,,Vaterlosen`` verarbeitet. Zumindest so wurde die oben beschriebene Bauchlandung auf den Brettern (die die Welt bedeuten) vermieden.

Haußmann -- Steckel

Frank Patrick Steckel war der Vorgänger von Haußmann, so daß sich allein auf Grund des Wechsels hier ein Vergleich anbietet. Doch ist es hier aber mehr als nur die schlichte Ablösung. Haußmann und Steckel stellen sowohl inhaltlich als auch persönlich absolut andersgelagerte Menschen dar. Ob dies nun wirklich der Fall ist, ist hier unerheblich. Die Szenemagazine haben jedenfalls einen solchen Gegensatz gesehen -- und zwar auch schon vor der ersten Inszenierung.


Steckel Haußmann
5/95 Depri-Welt Frohsinn
10/95 ,,Warten auf Godot¿` ,,Warten auf Haußmann¡`
,,...leise Art weise`` ,,jung und laut``
Pessimismus Bewegung
,,politischer Dauerdiskurs`` ,,buntes Leben, Theater-Rave
ins Zentrum der Emotionen``
Tabelle: Haußmann -- Steckel im PRINZ 

Im Oktober 1995 stellte der PRINZ fünf ,,Theatermacher`` schlaglichtartig vor (PRINZ 10/95, S.110; B.3.3, S.[*]). Der neue Intendant des Schauspielhauses war auch von der Partie. Zu diesem Zeitpunkt waren die Steckelschen Stücke abgespielt und Haußmann als neuer Intendant des Hauses hatte mit den ,,Vaterlosen`` gegen Ende Oktober Premiere. Der Prinz nutzte diese Übergangsphase, um Steckel und Haußmann als Gegensätzliches Paar darzustellen. Steckel wird dort als aufrichtiger Linker dargestellt, der seine Zeit offensichtlich überlebt hat. Während Steckel den pessimistischen ,,politischen Dauerdiskurs`` darstellt, verkörpert Haußmann das ,,bunte Leben``. Das zweite Gegensatzpaar in Tabelle 3 spielt auf die Inszenierung Steckels von ,,Warten auf Godot`` an. Dieses Stück spiegelt das Selbstverständnis Steckels, die Zuschauer in existentielle Abgründe zu schubsen oder in Endlosschleifen zu verheddern -- so wie es der Autor Beckett auch beabsichtigt hatte [ESSLIN 1985, S.28]. Der PRINZ ist jedenfalls der Meinung, daß der Zuschauer lange genug auf glücklichere Tage gewartet hat und empfiehlt, auf Haußmann zu warten, denn der eröffnet ab Oktober den ,,Theater-Rave`` mit den ,,Vaterlosen``.


Steckel (7/95) Haußmann (6/95)
So grau wie in den letzten neun Jahren Grau ist ,,frustrierend, unerträglich.``
Nachweis der Finsternis Gefühl auf die Bühne zurückbringen
Welt schlecht und menschliche Existenz sinnlos ,,An das Herz möchte man nicht ran. Es muß schlagen. Wenn es aufhört zu schlagen, ist man tot.``
Theater soll Leben unerträglich machen ,,mich interessiert der Mensch in der Beziehung zu anderen.``
Totentanz am Klippenrand ,,Mir geht es um Völlerei, Sinnlichkeit, Genuß.``
Schwarze Pädagogik ,,Künstler agitieren nicht. [...] Sie erzählen Geschichten. Die agitieren niemanden zu irgendeiner Haltung. Die Haltung muß man sich selbst aussuchen.
Tabelle: Haußmann -- Steckel im MARABO 

Nicht ganz so klar zu erkennen ist das Gegensatzpaar Steckel--Haußmann im Marabo. Dieses stellt sich erst über zwei Ausgaben im Juni und Juli 1995 dem Leser mit Langzeitgedächtnis her. Während die Juni-Ausgabe ein sehr langes Interview mit Haußmann enthält (MARABO 6/95, S.38ff; B.1.1, S.[*]), beschäftigt sich die Juli-Ausgabe retrospektiv mit der Ära Steckel (MARABO 7/95, S.94; B.3.2, S.[*]). Vor allem der Aufmacher des Interviews wird den Lesern (vor allem den Weiblichen) im Gedächtnis geblieben sein. Da sieht man neben einem ganzseitigen Portrait (A4) die geschnörkelte Überschrift ,,Leander Haußmann``. Jedenfalls: der Leser kann sich einfach nichts anderes denken, als daß mit dem Intendantenwechsel etwas großartiges passieren wird. Dem scheidenden Intendanten Steckel gönnt das Magazin im folgenden Monat neben der Rezension seines Abschieds-Hamlets einen Kasten (viertel A4), in dem die 9 Jahre nochmal beleuchtet werden. Während im PRINZ Steckels Intendanz im Rückblick negativ besetzt ist, ist sie im Marabo eine neutrale bis positive Beschreibung von Steckels Selbstverständnis. Sowohl seine Sicht der Welt als auch sein ,,Totentanz am Klippenrand`` wird akzeptiert auch wenn er das Schauspielhaus ,,erfolgreich leergespielt`` hat.

bospect nutzt die Konträren Ansichten der beiden Intendanten in der Einleitung eines Artikels, der über die Kooperation des Schauspielhauses mit dem VfL Bochum berichtet. Diese Ehe lädt natürlich sowohl zu Sprachspielereien als auch zu Theorien über das Verhaltnis von Fußball und Theater. So hoffen die beiden Autoren, daß Haußmann durch seine Theaterkonzeption beim ,,Abstiegskampf gegen den Zuschauerschwund`` erfolgreicher ist, als sein Vorgänger Steckel. Bei seinen ,,kopflastigen Inszenierungen`` ertappte sich so mancher Zuschauer ,,beim Blick auf die Armbanduhr``. Haußmann soll nun die Zuschauerzahlen durch ,,Qualität und gleichzeitige Nähe zum Publikum`` wieder in die erste Liga befördern. Bospekt erkennt aber auch, daß die Nähe zum Publikum sich zur Zeit sich auf einen sehr ,,exklusiven`` Ausschnitt dieser potentiell sehr großen Gruppe bezieht. bospect hofft aber, daß Haußmann den ,,Kampf gegen festgefahrene Konventionen, gegen die angebliche Unvereinbarkeit von geistiger Hochkultur und Volksvergnügen`` gewinnen wird. Auch in der Einleitung zur Kritik der ,,Vaterlosen`` wird noch einmal kurz auf die unterschiedlichen Intentionen der beiden Intendanten eingegangen: ,,Viel Spaß! lautet das Programm und zielt entsprechend auf genau das, was während der Ära Steckels eben nicht bewirkt werden sollte.``

John Dew

Zeitgleich zu Bochum fand auch in Dortmund ein Intendantenwechsel statt. Und zwar wurde dort Horst Fechner von John Dew abgelöst. Die Lage ist dort etwas komplizierter, da es sich in Dortmund um ein drei-Sparten-Haus handelt dessen Generalintendant John Dew wurde.

Die Artikel über den Intendantenwechsel in Dortmund halten sich in den Szenemagazinen in engen Grenzen. Oder anders ausgedrückt: sie behandeln den Intendantenwechsel `normal', wenn man die Flut der Artikel bezüglich Haußmann sieht. Alle drei Szenemagazine (MARABO, PRINZ und coolibri[*]) berichten darüber, machen aber aus dem Wechsel kein großes Ereignis. Es gibt auch keine Artikelserie in den Magazinen, sondern jeweils nur einen Artikel, in dem John Dew vorgestellt wird. Die ersten Kritiken über die Inszenierungen sind auch `normale' Kritiken, da sie sich eben mit der Inszenierung beschäftigen und nicht mehr mit John Dew. Auch werden seine Aussagen über sein Selbstverständnis nicht an der Inszenierung überprüft. Aus diesem Grunde sind hier auch keine Kritiken in die Analyse mit aufgenommen.

coolibri

Der coolibri berichtet über den Intendantenwechsel im Rahmen einer Kritik über Heiner Müllers ,,Macbeth``, welches der scheidende Schauspielleiter Jens Pesel inszeniert hat (coolibri 6/95, S.?; C.3, S.[*]). Sein Abgang steht im direkten Zusammenhang mit der neuen Generalintendanz John Dews. Der hatte nämlich ,,Anstoß an der mangelnden `Intelligenz' von Jens Pesels Inszenierungen genommen`` und ihn daraufhin entlassen. Der Kritiker macht keinen Hehl daraus, daß er diese Entscheidung für ungerechtfertigt hält, da Pesel durchaus Erfolg hatte.
Die Besucherzahlen sind seit dem Beginn seiner Spielleitung vor zwei Jahren erheblich gestiegen, die Zuschauer haben sich im Schnitt deutlich verjüngt, der Spielplan ist facettenreich wie nie.
Aber nicht nur quantitativen Erfolg konnte der Schauspieldirektor verbuchen, sondern auch qualitativen. So wurde das Stück ,,Black Rider`` zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. ,,Eine Bequeme Ausgangsposition für den neuen `Helden' John Dew`` sieht deshalb der Kritiker und bezieht sich auf das rezensierte Stück von Heiner Müller, in welchem es um die ,,`Dialektik von Wahrheit und Lüge'`` geht. Sehr schön verwischt sich die Ebene der Berichterstattung über den Rauscchmiß des Schauspielleiters mit der Ebene der Rezension von ,,Macbeth``: ,,Die Wahrheit spricht, wer das Zepter in der Hand hält.``

John Dew taucht hier nur als der abstrakte neue Herrscher des Dreispartenhauses auf, während Pesel sowohl von seiner menschlichen als auch von seiner künstlerischen Seite sehr positiv charakterisiert wird. Der Leser gewinnt jedenfalls den Eindruck, daß Dew am Anfang seiner Intendantenlaufbahn eine ungerechtfertigte Entscheidung gefällt hat. Ja man könnte sogar auf den Gedanken kommen, daß Dew Pesel gerade auf Grund seines Erfolges entlassen hat, um nun mit dessen Ausgangsbasis arbeiten zu können und um seinen eigenen Leuten eine gute Ausgangsbasis zu bieten.

PRINZ

Zum Spielzeitbeginn stellte der Prinz im Oktober 1995 neben Leander Haußmann auch John Dew vor. Der zuständige Artikel fällt PRINZ -typisch relativ kurz aus.

Wert gelegt wird auf die Generalintandanz John Dews, daß er nun als Intendant der drei Sparten Oper, Schauspiel und Ballett deren Kooperation fördern will. Inhaltlich will er weg vom ,,Mainstream``. Was allerdings das heißen mag, wird in dem Artikel nur unzureichend erklärt[*]. Es klingt auf jeden Fall positiv und macht neugierig. Ein kurzer Blick in den neuen Spielplan zeigt eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Altbekanntem und Außergewöhnlichem.

Dew erhält diverse Vorschußlorbeeren, nicht zuletzt weil er in Bielefeld ,,Klasse und Renommee`` als Opernregisseur gezeigt hat. Aber der Autor fragt sich, ob Dew dieses Image auch als Generalintendant beibehalten kann. Das wird sich zeigen, wenn er den ,,Kunstkampf gegen den Theatermief`` in Dortmund aufnimmt.

MARABO

Der umfangreichste Artikel über den Intendantenwechsel in Dortmund ist im Marabo zu finden (MARABO 10/95, S.108; C.1, S.[*]). Während sich der coolibri und der PRINZ nur nebenbei oder in kurzen Artikeln mit Dew auseinandersetzen, stellt der MARABO John Dew in einem ganzseitigen Artikel vor.

Die Generalintendanz wird -- wie beim PRINZ -- als Aufhänger verwendet, um dann von dort aus die Inhaltliche Seite zu besprechen. Und die macht durchaus neugierig.

Der ehemalige Bielefelder Opern-Chef will neugierig auf das Unbekannte machen und ,,komische Sachen anpacken, die die Seele angreifen und weg von intellektuellem Getue führen.
Nun könnte man meinen, daß Dew auch nur ,,Spaß`` und ,,Emotion`` im Sinne hat. Das wird aber an der Stelle korrigiert, wo der Spielplan vorgestellt wird.
`Solingen ist noch gar nicht so lange her, und auch 50 Jahre nach dem Krieg sind wir mit diesen Themen noch nicht durch. Theater und Oper sollen sensibilisieren und idealerweise Speerspitzen für gesellschaftliche Veränderungen sein.'

Ungefähr die Hälfte des Artikel beschäftigt sich aber nicht mit dem Künstler sondern mit dem `Organisationstalent' Dew. So will er erst einmal ,,Ordnung in den Betrieb`` bringen, damit demnächst das ,,optimale`` aus dem Haus herausgeholt und sein ,,ehrgeiziger Spielplan`` auch umgesetzt werden kann. Dabei entsteht das Bild eines souveränen Managers, der auch in den finanziellen Engpässen kein Problem sieht sondern eher eine Herausforderung.

Auch in diesem Artikel spielt die Entlassung des Schauspieldirektors Pesels durch Dew eine gewisse Rolle.

Auf den Fakt, daß Jens Pesel das Schauspiel wachgeküßt hat, geht der neue Generalintendant nicht ein.
Unter der alten Intendanz Fechner/Pesel war nämlich die Zuschauerauslastung ein voller Erfolg gewesen. Ansonsten wird die Personalpolitik Dews durchaus gelobt, da er nur vier neue ,,SchauspielerInnen`` eingestellt hat. Die übrigen übernimmt er aus dem alten Ensemble.

Was eigentlich auf der Hand liegt, wird erstaunlicherweise nur in diesem Artikel thematisiert: zeitgleich mit Dortmund gibt es ja auch einen Intendantenwechsel in Bochum.

Nicht, daß MARABO Leander Haußmann und John Dew vergleichen will, nein wir doch nicht: Doch bemerkenswert bleibt die Tatsache, daß in unmittelbarer Städte-Nachbarschaft gleich zwei nicht ganz unbeschriebene Blätter der Theater-Szene die noch im Sommerschlaf befindlichen Häuser füllen wollen[*].

Alles in allem erhält Dew eine Menge Vorschußlorbeeren -- sowohl im künstlerischen wie auch im organisatorischen Bereich. Dieses durchaus positive Bild wird nur durch die Entlassung Pesels etwas relativiert.

Stereotype


MARABO 10/95 Generalintendant über drei Sparten -- Steckenpferd ist die Oper -- neugierig auf das Unbekannte -- ,,komische Sachen anpacken`` -- ,,Seele angreifen`` -- weg vom intellektuellen Getue -- ungewöhnlich -- ehrgeiziger Spielplan -- innovatives Musiktheater -- selbstbewußt -- kein Publikumsschreck -- nicht unkomödiantisch -- intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Theater -- Ordnung in den Betrieb bringen -- das Maximale herauskitzeln -- Organisation macht ihm Spaß -- setzt auf Konsens und interne Kommunikation -- sympathisch -- Inszenierungen lustig mit viel Hintersinn
coolibri 6/95 künftiger Generalintendant der Bühnen -- neuen `Helden' John Dew
PRINZ 10/95 sieht Stadttheaterapparat als kulturelles Ganzes -- ,,schluß mit dem Mainstrteam`` -- ,,Theater für jeden Geschmack`` -- ,,als Opernregisseuer Klasse und Renommee`` -- ,,Kunstkampf gegen Theatermief``
Tabelle 5: Stereotype, Fakten, ...: John Dew 

Über John Dew gibt es wesentlich weniger zu erfahren als über Haußmann -- zumindest wenn es um persönliche Dinge geht (siehe Tab. 5). Explizit erwähnt auch nur der MARABO, daß Dew ,,sympathisch`` ist. Ansonsten schwingen die Charaktermerkmale eher zwischen den Zeilen mit. Wenn der Rezensent im coolibri von einer ,,bequemen Ausgangsbasis`` des ,,Helden Dew`` redet und der Rausschmiß Pesels auf Grund vom Intendanten Dew diagnostizierter ,,mangelnder Intelligenz`` passierte, dann schwingt da schon alles mögliche Negative mit. Im Großen und Ganzen wird Dew aber durchaus positiv beurteilt. Wenn er mal kritisiert wird, dann immer nur auf Grund von Pesels Entlassung.

Bezüglich seiner Theaterarbeit steht Dew aber sehr positiv dar. Man hat den Eindruck, daß er ein regelrechtes Arbeitstier ist, daß er als Chef das ,,Maximale`` aus dem Theaterbetrieb herausholen möchte. Um das zu erreichen, setzt er auf Konsens und vertraut auf die Kooperation mit der alten Schauspieltruppe. Wie man sieht: ein idealer Chef, der zwar hart führt aber die Mitarbeiter nicht als Feinde gegen sich haben will.

Inhaltlich will Dew (natürlich) neue Wege gehen. Während der MARABO diese Wege als ,,Neugier auf das Unbekannte`` beschreibt, ist der PRINZ da etwas plakativer: ,,Schulß mit dem Mainstream``. Trotzdem sollen alle Zuschauer befriedigt werden. So soll es sowohl ,,ungewöhnliches`` als auch populäre ,,Zuckerstängchen`` geben, was Dew mit ,,Theater für jeden Geschmack`` bezeichnet.

Zusammenfassend kann man sagen, daß Dew ein durchaus positives Bild abgibt. Die Neugier auf die ,,ungewöhnlichen`` Stücke überträgt sich durchaus auf den Leser. Nur die Entlassung Pesels läßt Dew ein wenig arrogant erscheinen, was im coolibri ziemlich deutlich herauskommt, beim MARABO nur am Rande und im PRINZ überhaupt nicht. Es entsteht aber trotzdem der Eindruck, daß diese Geschichte und die Intendantenwahl ganz allgemein in Dortmund mächtigen Wirbel ausgelöst haben muß, da sich manche Zitate von Dew nur so erklären lassen: ,,Mir kann keiner vorwerfen, ich sei ein Publikumsschreck... (MARABO 10/95, S.108; C.1, S.[*])

Zusammenfassung

Es ist ganz offensichtlich, daß Haußmann die `Presseschlacht' gewonnen hat, so wie es auch der MARABO festgestellt hat. Und daß vor allem bereits vor der ersten Inszenierung des neuen Intendanten. Sucht man nun nach Gründen, warum gerade Haußmann so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, dann kommen da vor allem zwei Ursachen in Betracht. Zum einen ist es die physische Attraktivität Haußmanns, die ihn für jedermann (und vor allen Dingen -frau) interessant macht. Schönheit ist eben in der Beziehung universell, als daß sie nicht vor den Grenzen des Subsystems `Theater' halt macht, sondern eben auch in der ,,Bunten`` zur Schau gestellt werden kann. Schönheit durchbricht aber auch die Einteilung innerhalb der Szenezeitschriften. Ist das Thema `Theater' dort normalerweise an letzter Stelle, wird es bei Haußmann schlagartig kompatibel mit den ,,Hektischen Leuten (PRINZ)`` des Reviers. Der zweite Grund für den Erfolg Haußmanns liegt wohl an seiner alles-und-nichts Aussage ,,Emotion ist alles``. Diese ist vor allem im Kontext der Theatertradition sehr provokant. Mit einem rein emotionalen Theater ist Bildung nicht mehr möglich. Dew hingegen verfolgt mehr die klassische Linie, wenn er sowohl die ,,Seele anpacken`` und gleichzeitig ,,Speerspitze für gesellschaftliche Veränderung`` sein will. Diese Mischung ist der Hochkultur vertraut und wird dementsprechend relativ harmlos im MARABO und PRINZ abgehandelt. Dews Konzept ist durchaus Interessant hat aber eben nicht den Sprengstoff, den die Haußmannsche Botschaft enthält.

Anhang

Zeitlicher Ablauf

Leander Haußmann

Interviews

MARABO

MARABO, 6/95, S.38ff, ,,Leander Haußmann`` -- Interview mit Haußmann:

Kindheit?
,,...keine andere Kindheit, als die Kinder im Westen.``
Jugend?
...stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der fast fanatisch ist. Unbeherrscht, fast cholerisch, oft geprügelt. Schleimer.
DDR?
1.
``Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit'' langweilig.
2.
Die Menschen sind nicht gleich.
3.
Hippies sind langweilig weil das Ziel der Flower-Power langweilig ist.
4.
DDR war ein Staat voller Dummköpfe.
5.
Wollte es allen Recht machen.
6.
Vom System entnervt.
7.
Mitglied einer Gruppe, die viel trank und vor allem ,,Frauen vögeln`` wollte.
8.
,,Die DDR hat sich billig verkauft. Dilettanten haben Einigungsverträge verhandelt, unter denen die Leute heute noch zu leiden haben.``
Bundesrepublik?
1.
...ist dumm.
2.
,,Kohl ist okay.``
3.
Helmut Schmidt hat ihn beeindruckt, da er sich für Kultur interessiert.
4.
,,Die höchste Form der Arroganz ist, daß man im Westen annimmt, man wäre unter gleichen Bedingungen nie so geworden, wie die Ossis.``
5.
Die sechziger und siebziger Jahre: ,,Sie haben die Leute frustriert. Ihnen ewig gesagt, wie doof sie sind, weil sie das und das nicht gelesen haben und das und das nicht verstehen.``
Eltern?
Wollten nicht, daß er Künstler wird.
Beruflicher Werdegang?
1.
Wollte Grafiker werden. Sah aber ein, daß der Beruf zu langweilig war und wurde Schauspieler.
2.
In Parchim erste Inszenierungen. Nach der dritten Aufführung verboten.
3.
In Weimar Leonce und Lena inszeniert, weil Regisseurin krank.
4.
,,Ich habe keine Karriere gemacht. Es hat 10 Jahre gedauert.``
Selbstverständnis?
1.
,,Theater ist doch kein Kindergarten. [...] Wenn ich mich der üblichen Methoden bedienen muß, mit denen man Macht etabliert, ist es für mich aus.``
2.
,,Mein ehernes Gesetz, alles zu beenden.``
3.
,,Mir ist alles Wichtigtuerische, dieses typisch Deutsche zuwider.``
4.
,,Ich gehöre zu den bestbezahltesten Regisseuren und könnte auf dem freien Markt mehr verdienen.``
Kulturpolitik?
1.
,,Welche Kulturdezernentin ist so mutig, jemanden mit dieser Unerfahrenheit an solch ein Haus zu holen? Ich denke, sie ist immens risikobereit``
2.
Trennung von Politik und Theater ist wichtig.
Konzeption?
1.
,,An das Herz möchte man nicht ran. Es muß schlagen. Wenn es aufhört zu schlagen, ist man tot.``
2.
,,Wenn ein paar Bildungsbürger wegbleiben, ist das okay.``
3.
Grau ist ,,frustrierend, unerträglich.`` [Anspielung auf Steckel]
4.
,,Die Seele des Theaters ist der Schauspieler. [...] Der Schauspieler wird überleben, auch wenn es keine Regisseure mehr gibt.``
5.
,,Für mich ist es uninteressant zu zeigen, wie ein gesellschaftlicher Zusammenhang funktioniert. Sondern mich interessiert der Mensch in der Beziehung zu anderen.``
6.
,,Mir geht es um Völlerei, Sinnlichkeit, Genuß. Es geht um den Renaissance-Menschen, für den Sinnlichkeit nicht dumm ist, sondern ein Teil des geistigen Zentrums.``
7.
,,Wenn man im Theater lacht, ist das eine Klamotte. Wenn man sich langweilt, ist das schon was Ernsthaftes.
8.
,,Man muß die Erwartungshaltungen des Zuschauers zerstören.``
9.
,,Künstler agitieren nicht. [...] Sie erzählen Geschichten. Die agitieren niemanden zu irgendeiner Haltung. Die Haltung muß man sich selbst aussuchen.``


 

PRINZ

PRINZ, 11/96, S.7, hektisches Revier:

Oder macht er nur Theater?


 

Typ zum schwärmen?
,,Man kann gar nicht so gut ficken, wie die denken.``
Warum Model für Windsor?
,,Es ist ja ein offenes Geheimnis, daß die Differenz zwischen dem, was ich hier bekomme und dem, was ich auf dem freien Markt verdienen könnte, ein Riesengeschenk an die Stadt Bochum ist.``
Kleidung/Stil?
Kein Gefühl für ,,Klamotten``.
totale Freiheit am Schauspielhaus?
...mehr Eigenkreativität als an anderen Häusern. ,,Vielleicht sollte man mal wieder dazu übergehen, Drogen zu nehmen, wenn man ins Theater geht.``
Eigenen Stil im Theater gefunden?
,,Und das ist vielleicht meine große Tragik, daß mich der Stil an mir selbst nicht interessiert.``
Warum Nacktfoto von Haußmanns Freundin?
,,Wir leben vom Exhibitionismus``.
Neues Publikum gewonnen?
Leute mit keiner Erwartungshaltung. Haben früher unter Erwartungsdruck gelitten.
Verbrechen der 68er?
Umfassendes Verständnis erstickt den Protest der Jugend. Zählt sich nicht zur Techno-Generation
Verlängerung des Fünfjahresvertrages?
Geht definitiv nach 5 Jahren.
Macht der Job noch Spaß?
Vor allem bei Erfolg. Es macht ihm Spaß, die Mitarbeiter aussuchen zu können.
Was geht ihm in der Theaterszene auf den Nerv?
Das Feuilleton und diese Theater-Zuschauer-Elite. ,,Das ist ja solch ein Clownsverein.`` Hätte gern das Theater im Bereich der Pop-Kultur.
Fußballfan?
kein Fan, weil Fantum undifferenziert. Aber das Fußballpublikum ist weiterhin interessant.

Privates

MARABO

MARABO, 6/95, S.38ff, Interview mit Haußmann:

1.
Mit dem Charme des Bohemiens...
2.
Die Frauen, das steht schon jetzt fest, lieben den smarten blonden aus den ostdeutschen Zuwachsgebieten, weil er auch als Dressman für feines ``Windsor''-Herrentuch eine gute Figur macht.
3.
locker und unverkrampft
4.
36jährig
5.
Stammkneipe Tucholsky
6.
...beiges Cordjackett, braune Wildlederschuhe, schwarze Jeans und ein dunkelgraues T-Shirt mit Knopfleiste
7.
Geschmacksunsicherheit im Umgang mit Stilen
8.
Weiß sich in Szene zu setzen und zu legen.
9.
Mit Baron Georges Eugène Haußmann verwandt, dem Präfekten von Napoleon III.
10.
...kokettes Schulterzucken...


 MARABO, 10/95, S.12, Klatsch:

[...] Vielleicht schreibt mir ja mal jemand einen Leserbrief mit dem Stichwort ,,Spanner``? Leander Haußmanns Freundin, wo wir gerade beim Thema sind, inszeniert übrigens ,,Blick zurück im Zorn`` und meint damit NICHT die DDR. Nach Vater und Kumpels nun also das G'spusi; offenbar war der Familienzusammenhalt im Osten doch größer. Man hatte ja auch sonst nichts. [...]


 

PRINZ

PRINZ, 5/95, S.12, hektische Leute:

Mini-Klatsch: Der baldige Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Leander Haußmann, weigerte sich, im Café Treibhaus Karaoke zu singen. *** Der Noch-Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Fank-Patrick Steckel, inszeniert zum Abschied eine 7 Stunden-Version des Hamlet.


 PRINZ, 11/96, S.7, hektisches Revier:

Oder macht er nur Theater?


 

1.
ein Typ zum Schwärmen -- laut Frauenzeitschrift
2.
`Amica' hat ihn zu den zehn erotischsten Männern der Welt gezählt

Berufliches

bospect

bospect, 3/93, S.?, AUTOKRATIE PUR -- oder die Inszenierung einer Intendantenwahl als Farce:

1.
Kulturdezernentin Canaris: ,,dreist, zynisch, verspielt den kulturellen Bestand Bochums``
2.
Haußmann: ,,...wollte sich die Findungskommission mit dem personell ja durchaus interessanten Vorschlag...``
3.
Canaris/Haußmann; ,,...sondern auch ihren eigenen Kandidaten beschädigt...``


 bospect, 11/95, S.4ff, Nie mehr 2.Liga:

1.
Der neue Wirbelwind im Bochumer Schauspielhaus
2.
Kampf gegen festgefahrene Konventionen, gegen die angebliche Unvereinbarkeit von geistiger Hochkultur und Volksvergnügen
3.
,,...aufgrund seiner Qualität und gleichzeitiger Nähe zum Publikum eine Attraktion in der Stadt ist.``
4.
Vom Fußball lernen
5.
Gegensatz Station -- Schauspielhaus : Emotion pur -- intellektuelles Gehabe
6.
,,Schuld an der Misere [sind] [...] auch die kopflastigen Inszenierungen unter der Intendanz von Frank Patrick Steckel. [...] Viele haben sich beim Blick auf die Armbanduhr ertappt.``


 bospect, 12/95, S.12, Rezension ,,Die Vaterlosen``:

1.
,,...auf HERZlich ...``
2.
,,...allseits entfachten neuen Wind ...``
3.
,,...viel Spaß¡`
4.
Das Schauspielhaus ,,...frisch durchgepustet``
5.
Zusammenfassung der Berichterstattung über Haußmann in den anderen Zeitungen, Pressespiegel, ,,Es ist zum Gähnen¡`
6.
Kritik: durchweg positiv. Sehenswertes Theaterstück.


 

MARABO

MARABO, 6/95, S.38ff, Interview mit Haußmann:

1.
,,...das große Gefühl auf die Bühne zurückbringen.``
2.
,,Für seinen respektlosen Umgang mit den Klassikern ist der Popstar unter Deutschlands Regisseuren 1991 mit dem Förderpreis der Intendanten ausgezeichnet worden.``
3.
...an den wichtigsten deutschen und österreichischen Bühnen als Gastregisseur inszeniert und wurde nach einer Kritikerumfrage zum ``shooting star'' der Spielzeit 1990/91 erhoben.
4.
Mutter (Kostümbildnerin) und Vater (Schauspieler) werden von Haußmann eingestellt.


 MARABO, 7/95, S.94ff, ,,Samt & Untergang``, Steckels Hamlet:

1.
erfolgreich leergespielt
2.
so grau wie in den letzten neun Jahren
3.
eher zum Fürchten
4.
Licht des Schwarz-Weiß-Films
5.
Restauration eines großen Stückes


 MARABO, 7/95, S.94, Steckels Intendanz:

1.
,,Schwarze Pädagogik``
2.
...Nachweis der Finsternis
3.
...Welt schlecht und menschliche Existenz sinnlos ...
4.
...Theater soll das Leben unerträglich machen
5.
...Geldwirtschaft den Sieg davongetragen hat ...
6.
...Totentanz am Klippenrand ...
7.
Steckel: ,,Ich bin eben Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Mich muß man sozusagen abschaffen.``


 MARABO, 10/95, S.46, Der Spielplan:

1.
,,Dieser Anfang macht deutlich, daß das Komödiantische im Vordergrund steht.``
2.
,,Mit der Schlußinszenierung ``Antigone'' von Sophokles wärmt Haußmann nach ``Bunburry'' von Oskar Wilde zum zweiten Mal eine alte Arbeit auf.``


 MARABO, 11/95, S.12, Klatsch:

1.
,,Erste Schritte auf dem Weg ins öffentliche Bewußtsein macht Schauspielhaus-Intendant Leander Haußmann.`` [Foto]
2.
Haußmann veranlaßt Durchbruch Kantine / ZadEck
3.
,,Schon am 2. November gibt es ein Theatervor-Platzkonzert, das folgerichtig u.a. die theatralischen Punks `Die Kassierer' bestreiten. Für beide Seiten sicher mehr als ein Wagnis, gar eine künstlerische wie menschliche Herausforderung. Oder ähnlich.``
4.
Schön ist übrigens die junge Sofia Loren auf dem ersten Plakat der Ära Haußmann. Merke: Emotion ist alles.``


 MARABO, 12/95, S.90, Die drei von der Sturm-und-Drang-Stelle:

1.
Leander Haußmann wird in die Public-Relations-Geschichte eingehen.
2.
Biographie: Druckerlehrling, Schauspielschüler, Schauspieler, Regisseur.
3.
Viel-Inszenierer
4.
Nachwuchsregisseur 1991
5.
dreimal zum Berliner Theatertreffen Geladener
6.
Stimmen der Kritiker:

+ -
heftige Begabung fröhlichste Null unter Deutschlands Regisseuren
magische Fähigkeit auf der Bühne Leben zu erschaffen kunstvoll ins leere inszenieren
Begabung, Geschichten zu erzählen und zu erfinden Weiß nicht, wozu das [Geschichtenerzählen?] und wohin mit ihnen [den Geschichten?].
lobt sein Empfinden für Menschen und seine Liebe zu den Schauspielern verwechselt Spiel mit Spielerei
versteht die Dimensionalität großer Theaterstücke nicht

7.
,,Im Ernst, Haußmann ist gut - aber das sind einige.``
8.
,,Er hat etwas, was er auf der Bühne nie hat: eine Botschaft. Nämlich, die daß mit ihm alles anders wird. Endlich anders. Einfach anders.``
9.
,,...,,Haußmann ist ein Teil des Clinton-Phänomens, das Aufbruch als Selbstzweck verkündet. Haußmann ist Windows '95, die neue, freundliche Oberfläche für dasselbe alte DOS. Ein gigantischer PR-Coup.``
10.
stellt die Erneuerung ,,immer frisch gefönt`` dar.
11.
,,Mithin: viel los im Hauß- und Spaßmann-Theater: Birken, Federn und blinkende Herzchen im Feuerspektakel und (Schlingensief-) Papst vor dem Haus. Auf der Bühne allerdings geht es bisher nicht viel anders als anderswo zu.``


 MARABO, 2/96, S.34, Das ist eben so:

Premiere von Männerpension im Bochumer Schauspielhaus
1.
,, `Ich bin der jüngste Gefängnisdirektor Deutschlands', sagt er im Film, die halblange Haarpracht zurückwerfend ...``
2.
Die Atmosphäre im Bochumer Schauspielhaus ist laut Buck ,,uneitel``.


 

PRINZ

PRINZ, 6/95, S.6, PRINZ des Monats:

1.
,,Scharf auf Emotionen``
2.
,,Stimmungswechsel``
3.
,,LEANDER HAUSSMANN trägt den Frohsinn in Frank Patrick Steckels Depri-Welt``
4.
,,...nach charmant technischen Problemen...``
5.
Werbespot Schauspielhaus / VfL, positiv beschrieben
6.
Stürmt die Theaterbastion der 68er: zwischen Kulturverteidigung und Abobefriedigung etabliertes Haus.
7.
Beruflicher Werdegang: vom Drucker zum Regisseur
8.
Neue Wege gehen: Zentrum der Kultur in der Stadt
9.
,,Die fröhlichste Regie-Null Deutschlands - so das vernichtendste Kritikerurteil über den auch wieder gefeierten Jungstar - wird Frank-Patrick Steckels Nachfolger in Bochum.``
10.
Jahresgehalt 190.000DM
11.
,,Haußmann fordert: `Das Theater muß wieder ein lebendiges Zentrum der Kultur in der Stadt werden.' ``
12.
jeden Abend Theater, Rocknächte, andere Konzerte und Parties.
13.
Haußmann: `Theater ist überall.'
14.
junges Publikum im Visier


 PRINZ, 10/95, S.110, ,,Die Suche nach dem Theater-Rave``, kurze Vorstellung des Spielplanes, der Schauspieler und natürlich des Intendanten:

Steckel Haußmann
,,Warten auf Godot¿` ,,Warten auf Haußmann¡`
,,...leise Art weise`` ,,jung und laut``
Pessimismus Bewegung
,,politischer Dauerdiskurs`` ,,buntes Leben, Theater-Rave
ins Zentrum der Emotionen``

1.
Rock auf dem Theatervorplatz
2.
,,Großstadtfolklore zur Kantineneröffnung``
3.
Nietsche auf dem Theaterdach
4.
Bochumer Theatertradition
5.
Starregisseur Dimiter Gotscheff
6.
Margit Carstensen (,,große Schauspiekunst``)
7.
,,zertrümmert gleich reihenweise Theatertexte und nicht jeder überlebt die Totaloperation.``
8.
Prophet oder Scharlatan?


 

coolibri

coolibri, 7/95, S.?, Hamlet in Bochum SIEBEN STUNDEN -- KEINMAL GEZAPPT:

...ein absolutes Muß, denn der Rest ist, wie wir seit der Premiere am 28.Mai wissen, Stille!


 coolibri, 12/95, S.58, Die Musik der Papageien:

1.
,, `Es (das Theater) sollte wieder die Aura des Heiligen und des Unnahbaren bekommen, des Geheimnisvollen als eines der wenigen Mysterien gerade in dieser Zeit, die das Rationale und Materielle zum Lebensideal ausgerufen hat.' So kommentierte Leander Haußmann, kaum daß sein Bochumer Intendanz-Vertrag spruchreif geworden war. Wie es um das Heilige und die Mysterien in seinem Haus nun bestellt ist, zeigen zwei äußerst unterschiedliche Theaterabende.
2.
,,Marbers Farce [...] entlarvt den Bühnenbetrieb in exakt dem Maße, wie Leander Haußmann das deutsche Theater retten wird: nämlich nur für den, der das eine wie den anderen zu ernst nimmt. [...] So muß man [...] dem Intendanten Leander Haußmann diese Uraufführung hoch anrechnen - ob dies nun seine Absicht war oder auch nicht.


 coolibri, 12/95, S.54, kultour:

Zwei Leserbriefe

1.
Jörg Kolesza: ,,Rigoroses Theater der Gefühle [...] Klassisch nebulös beispielsweise die Szene in der Molkerei und die grandiose Geburt der Kuh Elsa [...] Massen von Kiwidarstellern [...] Ezard Haußmann als innerlich zerwühlte Pflaume [...] Das Zeitalter der intergalaktischen Müllermilchstraße ist angebrochen -- oder war es schon immer.``
2.
Sabine Tisma: ,,vorher nie im Schauspielhaus gewesen [...] tief enttäuscht [...] Kann man nicht den Leiter des `Starlight Express' für das Schauspielhaus gewinnen¿`


 coolibri, 12/95, S.59, Endzeiteröffnung mit ,,Die Vaterlosen`` im Schauspielhaus Bochum FEUCHTFRÖHLICH IN DIE TROCKENZEIT:

1.
Metapher des brasilianischen Regenmachers, der mit einem klappernden Holzschlauch Regen herbeiruft.
2.
,,Deutschland ist eine trockene Nation. Deutsche Spaßmacher haben ein paar Holzbretter, auf denen es scheppert. Sie hämmern und schreien solange auf ihnen herum, bis der Witz herauskommt.``
3.
,,Gesetz aberwitziger Seriösität [...] `Das Theater ist doch kein Kindergarten' ``
4.
,,Gesetz des permanenten Helmuts, genannt `Kohl ist okay' ``
5.
,,Gesetz der erbarmungslosen Einschaltquote: Wenn nichts hilft, so helfe Dir Gott (und dann `Viel Spaß').``
6.
,,Insofern wurde der Saisonauftakt schon im vornherein durch ein Lachen gequält, das nicht vom Herzen der Zuschauer kommt, sondern auf die Leber der Schauspieler schlägt.``
7.
Ein Regenmacher konnte den herbei`geklapperten' Regen nicht mehr abstellen und wurde von den Dorfbewohnern verjagt (mit einem mitwandernden Regenwölkchen über seinem Kopf).


 coolibri, 3/96, S.52, kultour:

Leander Haußmann, jüngster Gefängnisdirektor Deutschlands, hat mittlerweile den ersten Ausbruch eines Knackis zu beklagen. Dr. Carl Hegemann, Chefdramaturg am Bochumer Schauspielhaus, hat die Ruhrmetropole Ende Januar fluchtartig verlassen und ist im Berliner Ensemble untergetaucht. Haußmann hat daraufhin den Dramaturgenposten kurzerhand gestrichen. Mitte Februar folgt auch Dimiter Gotscheff dem Ruf des neuen Intendanten der Berliner Brechtbüne. (Nachdem aber Ende März auch noch Jürgen Kruse der Durchbruch zur Hautstadt gelingt, wirft der amtsmüde Intendant - ,,Ich steh' lieber in der `Bunten' als in `Theater heute' `` - das Handtuch: Er wechselt zum Privatsender SAT1, um dort als Jesus Christus an der Bibelverfilmung Leo Kirchs teilzunehmen. Neue Intendantin des Bochumer Schauspielhauses wird Viva-Bravo-TV-Girlie Heike Makatsch: ,,Ich hab' schon so viele Theaterstücke gesehen, bei denen ich dachte, das hättest du auch fertiggekriegt``


 

John Dew

MARABO

MARABO, 10/95, S.108, DORTMUNDS NEUER INENDANT ,,Theater lebt mit der Veränderung``:

1.
Generalintendant über drei Sparten
2.
Steckenpferd ist die Oper
3.
Unterstützung im Bereich Schauspiel durch Wolfgang Trautmann
4.
,,...neugierig auf das Unbekannte machen und `komische Sachen anpacken, die die Seele angreifen und weg vom intellektuellen Getue führen'.``
5.
Will die Junge Generation mit speziellen Stücken ansprechen.
6.
geht mit dem neuen Spielplan volles Risiko ein.
7.
Dew: `Mir kann keiner vorwerfen, ich sei ein Publikumsschreck oder gar unkomödiantisch. Aber ich will erreichen, daß wieder eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Theater stattfindet.'
8.
Dew: `Theater und Oper sollen sensibilisieren und idealerweise Speerspitzen für gesellschaftliche Veränderungen sein.'
9.
Ordnung in den Betrieb bringen, Organisation macht Spaß, Zusammenarbeit, Konsens
10.
Nur vier neue Schauspieler eingestellt. Hat das alte Ensemble übernommen.
11.
Dew: `Pesel hat versucht, eine Kampagne gegen mich führen, die allerdings nicht gefruchtet hat. Theater lebt von der Veränderung und deshalb kann ich die Aufregung über seinen Abschied gar nicht verstehen. Man wird mich auch auswechseln, wenn ich keinen Erfolg habe.'
12.
sympathisch
13.
niedriger Etat aber interessanter Spielplan
14.
,,Vor allem lustig soll es werden und das mit viel Hintersinn.``


 MARABO, 4/96, S.103, UNVERSCHÄMT Soap-Opera in Rosa:

Dew für seine poppigen Regie-Eskapaden bekannt und geliebt, ließ dabei, von amerikanisch-naivem Gerechtigkeits-Pathos geblendet, seiner S/W-Kollektion freien Lauf. [...] So simpel kann Aufklärung im Kulturtempel sein, immerhin meint ja selbst die Partitur nichts anderes.


 

PRINZ

PRINZ, 10/95, S.112, Theatralisches Crossover:

1.
...ein stärkeres Mit- und Ineinander von Oper, Schauspiel, Ballett und Jugendtheater.
2.
Schluß mit dem Mainstream.
3.
,,...eingeschworene Publikum erst gewöhnen müssen.``
4.
Theater für jeden Geschmack:

Harvey Milk Rocky Horror Show
Maria Stuart Kroetz / Zschokke

5.
,,Als Opernregisseur hat John Dew Klasse und Renommee. Auch als Generalintendant? Gibt es das Dortmunder Konsenstheater der 90er? Kann der Kunstkampf gegen Theatermief gelingen¿`


 

coolibri

coolibri, 6/95, S.?, Der Dortmunder Schauspielleiter Jens Pesel muß gehen AUF MESSERS SCHNEIDE:

1.
letzte Dortmunder Inszenierung von Jens Pesel: Heiner Müller Macbeth
2.
,,Im Betriebsbüro des Schauspielhauses steht der Abgesang auf einem Wandzettel: `Und Dew, mein Schatz, bleibst hier.' -- John Dew [...] nahm Anstoß an der mangelnden `Intelligenz' von Jens Pesels Inszenierungen. Das sitzt letzterem noch heute in den Knochen.``
3.
Pesel ist Opfer seines Erfolges geworden
4.
Besucherzahlen sind zu Pesels Zeit stark gestiegen, Zuschauer verjüngt, facettenreicher Spielplan, Einladung zum Theatertreffen
5.
Der Erfolg des ,,aufmerksamen`` und ,,freundlichen`` Intendanten Pesel ist eine ,,bequeme Ausgangsposition für den neuen `Helden' John Dew, der die Geschäfte ab August übernimmt.``


 

Literatur

BIERHOFF 1993
BIERHOFF, HANS WERNER (1993).
Sozialpsychologie.
Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln.

ESSLIN 1985
ESSLIN, MARTIN (1985).
Das Theater des Absurden.
Rowohlts, Reinbeck bei Hamburg.

SCHULZE 1992
SCHULZE, GERHARD (1992).
Erlebnisgesellschaft.
Campus Verlag, Frankfurt/Main.

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