Allgemeine Definitionen

Die Systemtheorie ist ein rekursive Theorie, welche sich in einem linearen Text schwer darstellen läßt. Es empfiehlt sich also, diesen Abschnitt mindestens zweimal zu lesen, da die Definitionen nicht linear aufeinander aufbauen.

Information

  In den folgenden Abschnitten haben wir es mit selbstreferentiellen Systemen zu tun. Der Informationsbegriff muß so gewählt werden, daß er kompatibel mit dieser speziellen Eigenschaft ist. Die statistische Physik bietet hier eine sehr gute Definition. Wenn in einem System zu einem Zeitpunkt t n Ereignisse auftreten können und jedes dieser Ereignisse mit der Wahrscheinlichkeit pi(t) im nächsten Moment auftreten könnte, dann ist der mittlere Informationsinhalt des Systems:

I(t)=-SUM k=0n pk(t) ln pk(t)  

Diese Information bezieht sich - wie gesagt - auf einen Zeitpunkt und gilt auf Grund der Geschlossenheit des Systems nur innerhalb dieses.

Die Gleichung läßt sich so interpretieren, daß der Informationswert eines jeden Ereignisses Ik=lnpk ist. Wenn ein Ereignis selten auftritt, dann ist der Informationsgehalt um so größer. Wenn das Ereignis immer auftritt, dann ist er Null. Wenn man nun die Menge aller im Moment möglichen Ereignisse betrachtet, so ist aber der mittlere Informationswert mit der Wahrscheinlichkeit des Auftretens zu wichten. Ein Ereignis, welches sehr stark überraschend ist aber fast nie auftritt, hat im Mittel einen ähnlichen Informationsgehalt, wie ein Ergeignis, welches oft auftritt. Ein selbstreferentielles System besitzt zu jedem Zeitpunkt eine genau definierte Anzahl von möglichen Ereignissen, von denen dann im nächsten Schritt eines wirklich ausgeführt wird. Es existiert also zu jedem Zeitpunkt ein genau definierter Informationswert des Systems, welcher sich aus den möglichen Systemzuständen berechnet. Warum dieser Begriff so wichtig ist, ergibt sich bei der Definition der Komplexität Komplexitaet.

Information sollte nicht als ein einzelnes Faktum gesehen werden, sondern ist ein Angebot zur Selektion, eine Ansammlung von verschiedenen Möglichkeiten, im schlechtesten Falle von zweien. Gibt es nur eine Möglichkeit, so steckt darin keine Information. Ein selbstreferentielles System hat nun nur die Möglichkeit, sich von einem selbst generierten Ereignis zum nächsten zu hangeln -- Schritt für Schritt.

Noch ein paar Worte zur Informationsübertragung zwischen zwei Systemen. Eine direkte Informationsübertragung von einem Sender zu einem Empfänger funktioniert nur dann, wenn das Ereignisrepertoire zwischen beiden vorher zumindest teilweise abgestimmt worden ist. In diesem Paradigma bedeutet das, daß die Wahrscheinlichkeitsverteilung des Empfängers der eines Senders angeglichen werden kann, bzw. vollständig übermittelt werden kann. Dies funktioniert in der Telegraphie sehr gut. Leichte Abweichungen in der Wahrscheinlichkeitsverteilung werden dort als Übertragungsfehler interpretiert. Nachrichtentechnik ist heutzutage denn auch mehr Wissenschaft der Fehlerminimierung als Wissenschaft der Übermittlung. Die Information bewirkt auf der Empfängerseite, daß sich die Wahrscheinlichkeit der Folgeereignisse ändert. Vom Rauschen zum Bild. Informationsübertragung ist also ein ,,Verbiegen`` der Wahrscheinlichkeiten der Ereignisse beim Empfänger. Damit dies aber funktioniert, muß der Sender die Ereignisse des Empfängers kennen. Nur dann kann jener die Wahrscheinlichkeiten in seinem Sinne verändern.

Eine Informationsübertragung zwischen geschlossenen Systemen kann somit per Definition nicht stattfinden. Trotzdem können Systeme miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig verändern.

Operation

  Wichtig ist erst einmal, was überhaupt ein System macht. Dazu wird der Begriff der `Operation' eingeführt. Das ist schlichtweg die Reproduktion ereignishafter Elemente Element. Ein System System muß immer seine Elemente neu produzieren indem es sie transformiert, modifiziert, ordnet oder unterscheidet. Gerade evolutionär ausdifferenzierte Systeme arbeiten mit flüchtigen Elementen, die sofort nach Gebrauch erneuert werden müssen. Deswegen sind die entscheidenden Elemente hier auch Ereignisse. Eine Operation ist ein `Rechenschritt' in einem System. Sie ist die kleinste Zeiteinheit, die in dem System auftritt. Die Operationen sorgen für die Existenz des Systems, indem sie immerfort aus Elementen wieder Elemente herstellen. Die genauere Vorgehensweise wird hier nicht genauer erläutert. Wenn ein System System die Operationen einstellt - also es keine Folgeereignisse mehr gibt - , existiert es nicht mehr. Aus der Sicht der Information des Systems bewirkt die Operation eine Änderung des Wahrscheinlichkeitshorizontes, indem sie die gerade noch aktuellen Ereignisse hinter sich läßt und einen neuen Wahrscheinlichkeitshorizont von möglichen Ereignissen aufbaut.

Beobachtung

  Die wichtigste Operation überhaupt ist die Operation Operation der Unterscheidung, die hier Beobachtung genannt wird. Spencer Brown hat eindrucksvoll mit seinen ,,Laws of form`` bewiesen, daß die Operation am Anfang des Systemaufbaues steht: ,,Draw a Distinction`` [SPENCER BROWN 1969]. Diese ist hier nicht zweiwertig gemeint, sondern im Sinne von Figur und Hintergrund. Oder anders gesagt: Gegenstand und der Rest der Welt. Die Definition der Beobachtung löst sich von der sehr starren Sicht der zweiwertigen Logik. Diese Logik ist nur ein Spezialfall im Rahmen dieser wesentlich allgemeineren Logik. Die Differenz, die die Beobachtung aufbaut, hat auch zwei Seiten, nur wird die Seite des Restes nicht eingeschränkt. Diese Logik wird hier bevorzugt, weil das System sich an einer Leitdifferenz orientiert und zwar der von System und Umwelt Ůmwelt. Die Grenzziehung ist asymmetrisch: innerhalb der Grenze liegt das System und außerhalb der Grenze die Umwelt. Da das System nur sich selbst reproduzieren kann und so die Umwelt nicht wahrnehmen kann, kommt es zwangsläufig zu einer Asymmetrie. Die zweiwertige Logik wird diesem Sachverhalt nicht gerecht. Wäre sie adäquat, dann gäbe es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Umwelt und System. Da die Umwelt im System aber nur als `Theorie' oder `Modell' vorkommen kann, also das System die Umwelt nicht genauso repräsentieren kann wie seine Selbstbeschreibung, bleibt die Umwelt - im Gegensatz zur Selbstbeschreibung - immer diffus.

Wenn sich jemand fragt, ob er nun mit dem Auto fährt oder nicht, so ist das ganz im Sinne der zweiwertigen Logik. Nach Spencer Brown würde die Frage so lauten: ,,Fahre ich nun mit dem Auto oder mit irgendeinem anderen Verkehrsmittel oder mache ich ganz was anderes¿`.

Wann werden nun neue Beobachtungen in einem System eingeführt? Wenn Paradoxien entstehen. Die Mathematik - inzwischen ein (fast) selbstrefentielles System - liefert hier ein schönes Beispiel [STORCH . WIEBE 1989, S.113,]:

x2=-1

Diese Gleichung ist mit Hilfe der reellen Zahlen nicht lösbar. Stellt man sie etwas um, so erhält man eine rekursive Gleichung, die mit reellen Zahlen Paradoxien erzeugt: Aus der Gleichung x=-1x;&thicksp;x∈R/{0}, wird eine Rekursionsformel. In diese kann man nun 1 und -1 einsetzen: mit x=1 ergibt sich 1=-1 und mit x=-1 ergibt sich -1=1. Diese Paradoxie läßt sich durch eine weitere Unterscheidung auflösen: reell oder komplex. Die reine komplexe Zahl i:=-1 löst dieses Problem. Die Paradoxie verschwindet.

Hier sieht man, daß sich das System `Mathematik' hier eine Zusatzinformation (ganz im Sinne der obigen Definition) gönnt, die ab dem Zeitpunkt der Entstehung das System um dieses Quantum bereichert. Die Beobachtung ist somit eine kleine Informationseinheit, welche generiert wird, wenn es zu Problemen (Paradoxien) kommt.

Selbstreferenz

 

Der Begriff Selbstreferenz bezeichnet die Einheit, die ein Element, ein Prozeß, ein System für sich selbst ist [LUHMANN 1994, S.58,].
Ein selbstreferentielles System kann immer nur Elemente Element seines Systems erneuern und auch nur sehen, bzw. damit arbeiten. Es bewegt sich also von einem Ereignis zum nächsten, wobei zu jedem Zeitschritt ein Wahrscheinlichkeitshorizont der Folgeereignisse existiert, der dann das Auftreten des nächsten Elementes nahelegt. Die Änderung der Wahrscheinlichkeitsverteilung zum nächsten Schritt hin wird dabei von besonderen Ereignissen erzeugt, die man als `Informationseinheit' bezeichnen könnte. Das Sender- und Empfängerparadigma von Shannon und Weaver bleibt auch hier erhalten. Nur daß nun Sender und Empfänger das gleiche System darstellen. Etwas anderes wäre auch nicht möglich.

Selbstreferentielle Systeme haben nur Umweltkontakt durch Selbstkontakt. Wenn ein System etwas über die Umwelt erfährt, dann immer nur über eine Schleife, die im System beginnt, durch die Umwelt verläuft und wieder im System endet. Wichtig ist hierbei, daß diese Schleife von zueinander inkompatiblen Elementen realisiert wird. Das System kann mit den `Elementen' der Umwelt nichts anfangen. Der Weg durch die Umwelt wird vom System nicht wahrgenommen, sondern äußert sich nur dadurch, daß die Elemente, die in dem System wieder eintauchen, nicht genau durch dieses determiniert werden können. Umwelt ist aus der Sicht des Systems ein `Interdependenzunterbrecher'. Innerhalb des Systems können Relationen vom System genau determiniert werden, so daß das System `weiß', was als nächstes folgen wird. Im Rahmen der Auftretenswahrscheinlichkeiten im System ist dieses also `deterministisch'gif. Kontakt mit der Umwelt ist also möglich, wird aber nicht als solcher wahrgenommen. Das System bemerkt nur die Störungen der Relationen zwischen bestimmten Elementen. Diese Störungen werden durch Relationen in der Umwelt erzeugt, auf die das System keinen direkten Einfluß hat. Es ist wichtig zu sehen, daß die Relationen die Bindeglieder zwischen Umwelt und System darstellen. Die Elemente können das System per Definition nicht verlassen. Die Relationen sorgen dann für den nötigen Umweltkontakt. Die Grenze eines Systems muß also auch diverse Spezialaufgaben erfüllen, damit überhaupt der Kontakt zur Umwelt möglich ist -- natürlich immer nur durch Selbstkontakt.

Der Informationsbegriff kann aus den oben genannten Gründen nur auf das System selbst angewandt werden, da nur innerhalb des Systems die Elemente existieren. Das System ist also informationell geschlossen, es kann nur Störungen von Verbindungen von Elementen feststellen. Oder anders ausgedrückt: die Entstehung des nachfolgenden Elementes läßt sich nicht vollständig durch interne Operationen kontrollieren. Warum die Relation zwischen zwei Elementen gestört ist, läßt sich aus der Sicht des Systems nicht genau herausfinden. Mit anderen Worten: es kommt zwischen bestimmten Elementen der Zufall ins Spiel. Das System handelt aber weiterhin selbstrefentiell.

Das Nervensystem Nervensystem von Lebewesen ist ein typisch selbstreferentielles System. Es arbeitet ausschließlich mit Nervenimpulsen. Elemente der Umwelt sind keine Nervenimpulse sondern zum Beispiel Schall oder Licht, die erst in Nervenimpulse übersetzt werden müssen.

Komplexität

 

Element

  Systeme System bestehen aus Elementen, welche die kleinsten noch auflösbaren Einheiten des Systems darstellengif. Entscheidend ist, daß diese Elemente wieder Elemente erzeugen, die zueinander kompatibel sind.

Der Begriff `Element' muß hier in einem sehr weiten Zusammenhang gesehen werden. Man sollte sich hüten, darin nur Gegenständliches zu sehen. Elemente können sehr flüchtig sein, wie zum Beispiel das gerade gesprochene Wort oder die im Moment ausgeführte Handlung. Die Elemente erhalten den Charakter von Ereignissen. Wie man an den beiden Beispielen sieht, liegt der Schwerpunkt der Definition dieses Begriffes nicht auf dem Element selbst - es ist viel zu schwer zu fassen - sondern er liegt auf der Einbettung des Elementes in das System und welche Bedeutung es dort hat.

Relation

  Die Relationen verbinden einzelne Elemente und stellen so (Sinn Sinn-) Zusammenhänge zwischen den Elementen her. Sie sorgen im System für die zeitliche Abfolge der einzelnen Elemente indem sie Nachfolgeelemente nahelegen (hohe Wahrscheinlichkeit) oder ablehnen (schwache Wahrscheinlichkeit). Aus der Sicht eines einzelnen Elementes ergeben sich also Möglichkeiten des Anschlusses an andere Elemente. Man darf diese Relationen aber nicht als starres Korsett ansehen das dem System die Freiheit nimmt, sondern als Menge von Alternativen, die dem System zur Verfügung stehen. So könnte dem Handlungselement `Brötchen aufschneiden' sowohl das Element `Marmelade draufschmieren' als auch das Element `trocken essen' folgen. Die Relationen vermitteln nur die Wahrscheinlichkeit des Anschlusses. Die Entscheidung für das nächste Element folgt aus dem jeweiligen Kontext in der Gegenwart.

Hier sollte man nochmal erwähnen, daß Relationen die Grenze `System-Umwelt' überbrücken, daß aber die Elemente selbst immer nur innerhalb der Systemgrenzen ihre Gültigkeit besitzen. Das System ist immer in eine Umwelt eingebettet und muß auch auf diese reagieren können. Diese Reaktion ist aber Schwierigkeiten unterworfen, da die Elemente nur innerhalb des Systems einen Sinn ergeben und so das System nur indirekte Schlüsse über die Umwelt ziehen kann.

Struktur und Komplexität

  Es erleichert das Verständnis des Systems ungemein, wenn man vom Standpunkt das externen Beobachters löst und in das System eintaucht. Da das System nur seine eigenen Elemente reproduziert, ist eine Innenansicht des Systems sinnvoller als eine Außenansicht. Setzen wir uns also auf ein Element und schauen von diesem den Möglichkeitshorizont der Folgeelemente an.

Betrachtet ein Beobachter ein System, so wird er eventuell eine Gesamtheit von allen Elementen mit ihren Relationen wahrnehmen können. Das System selbst wird wahrscheinlich diesen Überblick nicht haben. Ja, es genügt ihm, sich von Moment zu Moment die relevanten Relationen zu vergegenwärtigen. Ist das Netzwerk hinreichend groß und verwickelt, dann sieht man nur die nächste Nachbarschaft. Klar ist dann nur, welche Elemente unmittelbar mit einem Element verknüpft sind (in Relation stehen). Für den Fortbestand des Systems reicht das aber vollkommen aus, da nur diese Elemente für den nächsten Moment relevant sind (Kontextabhängigkeit). Zu betonen ist hier, daß das System eben nur seine Elemente sieht, und nicht mehr. Die Umwelt erscheint in diesem Netzwerk nicht, da sie andere Elemente verwendet. Das System hat sich immer nur mit der (Re-)Produktion seiner Elemente zu beschäftigen. Diese Reproduktion verläuft nach bestimmten Regeln der Selbstorganisation, die hier noch nicht näher bezeichnet werden. Was aber klar ist, ist, daß das System seinen Wahrscheinlichkeitshorizint laufend verifiziert und modifiziert, also die Entstehung der Folgeelemente beeinflußt.

Es geht nun darum, eine Größe zu finden, die das globale Verhalten des Systems beschreibt, aber zu einer lokalen Regel der Selbstorganisation führt. Dazu wird der Begriff der Komplexität eingeführt.

Als komplex wollen wir eine zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann [LUHMANN 1994, S.46,].
Es gehört zu den evolutionären Herausforderungen eines Systems, nur die Relationen auszuwählen, die zum Fortbestand nötig sind. Ein System, welches jedes Element mit jedem verbindet, ist maximal entropisch, d.h. es befindet sich im Zustand der absoluten Beliebigkeit. Am Anfang ist dies auch zu einem hohen Grade der Fall. Jedes neue Element wäre dann in der Produktion gleich wahrscheinlich. Dies macht natürlich für das Überleben keinen Sinn. Andererseits gibt es ja die Umwelt des Systems, welche bestimmt die größte Zahl von Relationen (zu zueinander inkompatiblen Elementen) bietet. Hier liegt es auf der Hand, daß dort die Komplexität am größten ist. Hervorzuheben ist hier nochmal die Richtung der Entwicklung: am Anfang ist ein Überfluß an Relationen vorhanden, der das System zur Selektion zwingt - und nicht umgekehrt. Das System zieht sich dabei ,,aus dem Rauschen selbst aus dem Sumpf``. Im Rahmen des Informationsbegriffes heißt das, daß das System seine Information minimiert. Maximale Information würde in dem System enthalten sein, wenn alle Elemente mit der gleichen Wahrscheinlichkeit auftreten würden, also alle gleich unwahrscheinlich wären. Ein System wird nun um so komplexer, je geringer die Information des Systems wird.

Information ist weiterhin nur in dem System definiert, beziehungsweise nur auf ein konkretes System beziehbar. Komplexität ist auch außerhalb des Systems anwendbar und bezieht sich schlichtweg auf die Relationen. Die Elemente können verschieden sein.

Eine Pflanze baut sich ja bekanntlich selbst aus Stickstoff und Kohlendioxyd zusammen und wird so nach und nach zu einem sehr komplexen Gebilde, in dem jedes Atom seinen festen Platz erhält. Genauso bilden sich im Kommunikationssystem ,,Beziehungskiste`` schnell kleine Rituale und Theaterstückchen aus, die der Beziehung Stabilität und Sicherheit geben und so den Fortbestand über eine längere Zeit sichern (nämlich über den Zeitraum hinweg, in dem der Himmel voller Geigen ist) [ULLER-ECKHARD 1990].

Durch die Selektion der Verweisungen wird das System zwangsläufig komplexer als es am Anfang der Entwicklung war. Dies kann aber nie dazu führen, daß das System den Komplexitätsgrad der Umwelt erlangt, sondern es kommt lange vorher zu ernsthaften Problemen, da einfach die Anzahl der Elemente nicht mehr ausreicht, um die Umwelt abzubilden. Somit ist die Komplexität der Umwelt immer größer als die des Systems. Schon alleine auf Grund der großen Zahl von Relationen.

Die Beschreibung der Struktur verführt nun zu der Annahme, daß das System der absoluten Beliebigkeit unterworfen ist. Dies ist aber nicht der Fall, denn die Umwelt würde solch ein System (z.B. eine Person) ziemlich schnell als verrückt klassifizieren und die nötigen Relationen schnellstens wieder herstellen (Psychiatrie). Man könnte die Vermutung aüßern, daß ein System ohne Umwelt seine Information zu null reduziert, da die Reduktion durch nichts aufgehalten würde. Die Umwelt sorgt dafür, daß das System sich nicht komplett selbst abschafft. Beschäftigen wir uns also mit der Umwelt.

System und Umwelt

    Die Umwelt stellt immer das dar, was nicht im System ist. Sie ist also die andere Seite der Einheit der Differenz von System und Umwelt. Umwelt stellt hier ganz im Sinne von Spencer Brown einfach den Rest der Welt dar. Sie ist aus der Sicht des Systems nicht direkt sichtbar, da sie andere Elemente verwendet. Hier das System mit einer definierten Grenze und außerhalb alles andere. Die Umwelt ist damit maximal komplex, da man sich unendlich viele Relationen vorstellen kann, die nicht existieren. Das gilt ganz allgemein. Sei es geographisch, kulturell oder auf Einzelzellebene. Das System mit seiner beschränkten Anzahl von Elementen und seiner differenzierten Verweisungsstruktur hat immer geringere Komplexität als die Umwelt. Seine Leistung ist es, die Relationen herauszufinden, die zum Überleben wichtig sind. Die Umwelt kann es sich leisten, viele beliebige Relationen zu besitzen, da sie kein System ist und nicht `überleben' muß. Zwischen der Umwelt und dem System besteht damit ein Komplexitätsgefälle, welches das System erhalten muß. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, dann ist das System nicht mehr vorhanden.

Wenn ein Mensch stirbt, dann nimmt die Komplexität Komplexitaet unweigerlich zu. Es ist dann nicht mehr nötig, daß die einzelnen Bestandteile des Körpers ihre Relationen behalten, sie werden eins mit der Umwelt. Natürlich kann es in der Umwelt von einem System weitere Systeme geben. Auch kann es in einem System Subsysteme geben. Für diese Subsysteme ist dann das System nur noch Umwelt. Betrachtet man Systeme mit der Zeit, so ist es oftmals günstig, wenn sich Subsysteme in einem System bilden. Nun gibt es noch einen dritten Fall, daß durch die Existenz eines Systems sich ein weiteres System ausbildet, aber völlig andere Elemente verwendet. Das eine System sieht dann das andere auch nur als Umwelt an, würde aber ohne das andere überhaupt nicht existieren.

Von Penetration wollen wir sprechen, wenn ein System die eigene Komplexität zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt. In genau diesem Sinne setzen soziale Systeme `Leben' voraus. Interpenetration liegt entsprechend dann vor, wenn dieser Sachverhalt wechselseitig gegeben ist, wenn also beide Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eigenkomplexität einbringen [LUHMANN 1994, S.290,].
Es ist übrigens nicht korrekt, von einem Ökosystem zu reden, da dieses System einfach die Umwelt darstellt. Es ist auch kein Subsystem, da es keine klare Trennungslinie zu einer Umwelt gibt. Es ist einfach da und braucht sich nicht zu reproduzieren [LUHMANN 1994, S.55,].

Da die Umwelt das System stört, kann es sich selbst nicht vollständig kontrollieren, sondern die pi werden von außen verändert. Das Ziel, die Information im System zu minimieren, wird also immer mit der Nebenbedingung `Umwelt' ausgeführt. Das System kann auf Dauer nur Stabilität erlangen, wenn es die Störungen in seinem Wahrscheinlichkeitshorizont berücksichtigt, wenn also diese Störungen im System zu Information werden. Die Umwelt sorgt also permanent für eine Informationsentstehung im System. Wohlgemerkt: die Information entsteht erst und kommt nicht von außen. Sie muß vom System hergestellt werden, da nur im System die Elemente ihre Gültigkeit besitzen.

Sinn

Betrachten wir ein Element, welches gerade in diesem Moment aktualisiert bzw. produziert wird. Das System muß nun entscheiden, welches Element diesem folgen soll. Die Relationen, die dieses Element mit den Folgeelementen verbinden, legen dem System nahe, welches Element als nächstes produziert oder aktualisiert werden soll. Eine sinnvolle Produktion eines Folgeelementes ist einfach die Produktion eines dieser Folgeelemente. Würde das System einfach irgendein Folgeelement produzieren, so wäre die Existenz des Systems auf Dauer sehr stark gefährdet, da es auf Ereignisse in der Umwelt nicht gezielt reagieren würde. Das System muß also zu einem bestimmten Zeitpunkt zu jedem Element erfolgversprechende Folgeelemente erzeugen können. Oder anders ausgedrückt: ,,Das Prozessieren der Differenz von Aktualität und Möglichkeit läßt Sinn entstehen.`` [LUHMANN 1994] Sinn ist die Gesamtheit aller Wahrscheinlichkeitsaussagen eines Systems. Das System entwickelt sich von Moment zu Moment und sieht bei dem jeweils aktuellen Element immer den Wahrscheinlichkeits- und Sinnhorizont der Folgeelemente. Das System operiert gerade so, aber es könnte auch anders. Sinn steckt in den (bewährten und erprobten) Relationen der Elemente. Man könnte im Sinn auch das Gedächtnis oder die Geschichte des Systems sehen. Wichtig ist hier der Begriff `Möglichkeit'. Die Relationen erlauben (fast) immer Alternativen. Es gibt immer mehrere sinnvolle Anschlußmöglichkeiten, die im Moment als Möglichkeitshorizont dem System zur Verfügung stehen.

Sinn ist für das System meistens nicht direkt zugänglich. Dieser Begriff ist innerhalb des Systems ein formloser Begriff, da er die komplette Menge aller Möglichkeiten/Relationen enthält. Ein Beobachter kann eventuell den Sinn eines Systems erfassen, wenn die Elemente und Relationen überschaubar sind. Im Regelfall ist es aber wohl so, daß das System selbst gerade den aktuellen kontextbezogenen Sinnhorizont sieht, und mehr nicht. Das ist aber auch völlig ausreichend, da sich ein System von Moment zu Moment fortentwickelt und so immer nur der aktuelle Sinnhorizont relevant ist.

Die Autopoiesis zwingt jedes System, seinen eigenen Sinnhorizont zu erzeugen. Es wäre äußerst unwahrscheinlich, daß zwei Systeme den gleichen Sinnhorizont besäßen, da beide ihren Sinn abgeschlossen von der Umwelt herstellen und der Anfangszustand sehr vielen Zufällen überlassen ist. Die Entstehung eines Systems steht für die maximale Beliebigkeit. Alles ist möglich. Das System muß am Anfang die überflüssigen Relationen löschen, um zu überleben. Die Entwicklung startet nicht in der Ordnung sondern im Chaos.

Für das System ist übrigens jede Sinnkonstruktion richtig. Wäre sie es nicht, würde die Autopoiesis aufhören zu existieren. Das System kann sich Fehltritte erlauben. Diese müssen aber im Rahmen der Möglichkeiten ausgebügelt werden können und werden es auch. Nur ein Beobachter kann an einem anderen System falschen Sinn ausmachen indem er die Anschlußfähigkeit überprüft. Dies ist dann aber ein Problem des Beobachters und nicht des beobachteten Systems.

Da Sinn die Anschlußfähigkeit der Folgeelemente erzeugt, würde gerade bei flüchtigen Elementen es sofort aufhören zu existieren. Würde ein Satz in einer Gesprächsrunde von niemandem beantwortet, so wäre das Kommunikationssystem Gesprächsrunde nicht mehr existentgif. Sinn erzeugt aber im Normalfall eher Redundanz, so daß die Anschlußfähigkeit auf jeden Fall gewährleistet ist. Der aktuelle Sinnhorizont eröffnet fast immer eine Reihe von Alternativen für den Anschluß, schon aus Sicherheitsgründen.

Über seine Sinngrenzen kann sich das System von der Umwelt abgrenzen, da der Sinn des Systems einzigartig ist. Außerhalb des Systems gibt es keinen für das System relevanten Sinn, obwohl es dort draußen natürlich weitere Systeme gibt. Umweltereignisse werden natürlich auch mit Sinn überzogen, werden aber auf Grund der Geschlossenheit des Systems als interne Ereignisse mit zusätzlicher Störung wahrgenommen. Bestimmte Anschlußelemente ergeben sich - trotz Umweltkontakt - manche nicht. Aus der Sicht des Systems kommt der Zufall ins Spiel, der bekämpft werden muß. Die Umwelt ist der Sinnlieferant schlechthin, da sonst die Verweisungen zwischen den Elementen der absoluten Beliebigkeit ausgeliefert wären. Erst durch die Störung bestimmter Relationen durch die Umwelt wird konkreter Sinn hergestellt. Das System muß Sinnstrukturen aufbauen, die die Störungen meistern können. Sei es nun eine Stolperkante im Hausflur, eine blöde Anmache oder ein Grippevirus. Entweder das System meistert diese Unwegbarkeiten der Umwelt auf Grund seines Gedächtnisses sofort oder es überlegt sich bis zum nächsten mal eine sinnvolle Handlung, also noch bessere Alternativen.



Bernd Porr
Tue Jul 15 18:06:51 MET DST 1997