Ganz subjektive Erinnerungen an den Tandemkurs

Ich hatte gar keine Erwartungen an den Kurs. Eins war aber sicher: die Klausur davor war nichts dagegen, verglichen mit dem, was mich in dem Kurs erwartet. So oder so.

Der Seminarraum an der Uni hatte den Charme, den jeder Seminarraum an der Uni ausstrahlt: nämlich keinen. Jedenfalls waren wir Deutschen zuerst in diesem Wunderwerk der Sachlichkeit. Die Schweden waren wohl anderswo. Gespanntes Warten. Wie werden sie wohl sein, die Schweden? Dann kamen sie, im Schlepptau von Helmut Brammerts. Gegenseitiges Beschnuppern. Neugierde. Wie wird es werden? Reichen die spärlichen Schwedischkenntnisse? Wie wird das im Kurs?

Bengt hält mir einen Zettel unter die Nase. Er ist der Schwedischlehrer aus Sundsvall. Auf meinem Zettel steht `Erik'. Mein erster Tandempartner. Für die ersten zwei Tage. Erik ist von der ruhigeren Sorte und sehr nett. Wir sollen uns gegenseitig vorstellen. Groß zum Reden kommen wir aber nicht da ich mit Bengt mein erstes 'Einzel' habe. Ich soll mich auf Schwedisch vorstellen. Irgendwie will ich aber immmer nur Englisch reden. Warum wohl? Ziemlich unzufrieden mit mir kehre ich zu Erik zurück, mit dem ich das Vorstellen wiederhole. Nun klappts wesentlich besser. In beiden Richtungen. Ich erfahre, daß Erik irgendwas mit Mathe macht und er erfährt von mir, daß ich Publizistik studiere. Man lernt gemeinsam einander zu helfen: mal reden wir in Deutsch, mal in Schwedisch. Die Verständigung funktioniert jedenfalls immer besser. Viele Worte im Schwedischen sind dem Deutschen doch recht ähnlich. Jedenfalls wenn man sich reingehört hat. Vor allem: ich lerne, einzelne Wörter überhaupt zu hören.

Am Mittwoch sitzt mir Annika gegenüber. Daß sie bereits 42 Jahre alt ist, habe ich zuerst nicht glauben wollen. Sie sieht bestimmt 10 Jahre jünger aus. Mit ihr sollte ich die restliche Woche am produktivsten arbeiten. Die Aufgabe: schreibe ein Märchen! Am Anfang dachte ich: das schaffst Du nie! Aber dann machte es immer mehr Spaß, da wir Strategien entwickelten, uns gegenseitig zu verstehen und mitzuteilen. Ich schrieb auf schwedisch und Annika auf Deutsch. Beide produzierten wir natürlich jede Menge Fehler. Aber deshalb wurde es ja gemacht. Wir haben uns jedenfalls das Leben bis zum Ende der Woche nicht gerade leicht gemacht. Während die Anderen schon durch die Bochumer Innenstadt schlenderten, hingen wir noch in der Cafete und überlegten uns stilistische Feinheiten in unseren beiden Texten: Von der Bedeutung möglichst nah beieinander sollte es sein aber trotzdem in beiden Sprachen stilistisch ok. Am Ende der Woche war mein Wissen über das Schwedische - verglichen mit der Klausur - um das 10-fache angestiegen. Und das auf eine durchaus angenehme Weise.

Aber es gab ja nicht nur der Kurs - im engeren Sinne. Es gab ja auch noch die Zeit danach. Und die wurde (natürlich) auch gemeinsam verbracht. Der Wettergott sorgte passend zum Kurs auch für das nötige Wetter. Während des zweiwöchigen Tandemkurses kalt und regnerisch und nach dem Kurs heiß und sonnig. Bezogen auf die Örtlichkeiten hieß das: zuerst jeden Abend nur im Bermuda Dreieck und später zusätzlich auch (fast) täglich an der Ruhr. Lenas Bräune war jedenfalls nach einer Woche intensiven Sonnenbadens durchaus beachtenswert, knapp gefolgt von Annikas Bräunungsergebnissen. Die Tandemaktivitäten verlagerten sich während der Hitzeperiode immer mehr in Richtung Ruhrwiesen. Die Themen verlagerten sich entsprechend.

Jon war mit Abstand der wißbegiergste von der ganzen Truppe. Alles fragte er nach. Und wenn es nichts zu fragen gab, dann fragte er trotzdem irgendetwas. Probleme mit der fremden Sprache gab es natürlich überall. Warum heißt auf einmal eine Frau `Schnecke' oder was bedeutet eigentlich `Sommamal?'. Annika beobachtete das treiben des 19-jährigen Jons und war oftmals leicht irritiert. Nein, nein, ihre Kinder seien nicht so. Meinte sie auf mein Nachfragen. Wenn es etwas `ernsthaftes' zu organisieren gab (z.B. das Brennballspiel), dann war sie voll bei der Sache und entpuppte sich als Organisationstalent. Gerne würde sie so etwas zu ihrem Beruf machen: Veranstaltungen organisieren.

`Fikar' war jedenfalls ganz wichtig. Fand ich auch. Abends zusammensitzen, Kaffee trinken, Kuchen essen und gemeinsam reden. Eben `Fikar'. Es ist jedenfalls ein Lebensstil, den ich nur voll unterstützen kann. So saßen wir einige Male zusammen. Vorher zum Bäcker und den Restbestand eingekauft, denn es war meistens nach 19Uhr Abends. Dann nach Hause, Kaffee gekocht und gequasselt. Erik war vom Angebot im Bäckerladen besonders beeindruckt. Ich glaube die Schweinsohren haben es ihm besonders angetan. Einmal als Jon und Monika dabei waren, improvisieten sie eine Radiosendung: Schwedisches Sommerradio. Det var väl kul. Ich muß zugeben: ich habe nicht alles verstanden aber sie haben es schon sehr schön gemacht.

Schwedisches Baseball: `Eigentlich ist es so: man spielt Baseball und trinkt jede Menge Bier.' Das war O-Ton Verena, die mal für ein Jahr in Stockholm schwedische Kultur getankt hatte. Für mich war der wichtigste Unterschied: der Ball wurde nicht von jemand anderem geworfen sondern vom Schläger selbst! So hatte ich reelle Chancen, den Ball auch mal zu treffen. Vor dieser recht schlammreichen aber sehr unterhaltsamen Schlacht lagen noch ein paar Aufwärmübungen aus der Kategorie `Midsommar-Spielchen'. Besonders die anwesenden Spanier trauten ihren Augen nicht, als Lena und Annika den bunten Haufen zu so etwas wie Ringelreihen und Entengang motivierten. Ja, ja. Vorher galten die Schweden als introvertiert. Nun gelten sie als verrückt. Und bestimmt waren das nur die harmlosesten Spielchen, um uns nicht völlig zu verwirren. Fast zum `running gag' entwickelte sich das Lied von den Haien -- neben dem Lied vom Schwimmbecken, welches Jon mehrfach zum Besten gab. Die `schwedische Mundorgel' war auf jeden Fall besser präsent als die Unsere.

`Happy hour' im mexikanischen Pub. Das war der letzte Tag mit Annika und Lena. Jon war bereits am Vortag abgereist. Jonas und Lena saßen auch dabei und hatten schon wieder diesen verglärten Blick zweier sich langsam verschmelzender Seelen in ihren Augen. Vielleicht sorgten die Cocktails dafür, daß es noch etwas verglärter aussah als sonst. Am Mandragora war dann die letzte Station der Kneipentour. Lena sah man an, daß es ihr schwer fiel Abschied zu nehmen.

Ich traf mich am Donnerstag noch einmal mit Jonas und Linda. Ich merkte, daß mein Schwedisch in den wenigen Tagen seit Montag schon wieder zu zerbröseln begann (Was für eine Geduld Jonas mit mir hat!). Am Sonntag sehe ich Jonas nochmal, nachdem er Linda zum Flughafen gebracht hat. Am Montag kommt Mats noch einmal vorbei und holt seine Reisetasche ab. Langsam schleicht sich wieder der Alltag in mein Leben. Aber nicht lange. Ich will sie alle wiedersehen und das möglichst bald.


Bernd Porr

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Tandem Schwedisch/Deutsch -- tysk/svenska
Last modified: Thu Aug 6 12:56:25 WET DST